Maria Sveland: Bitterfotze

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Wir spazierten mit unseren beiden Kleinkindern durch die stillen Straßen des jungen Jahres und sprachen über Vereinbarkeit von Arbeit und Kind mit dem eigenen Leben. Für mich als Alleinerziehende ist das ein ewiger Spagat, bei dem gefühlt jeder und alles immer zu kurz kommt. Allem voran ich selbst.
Meine Freundin zog kurz darauf Bitterfotze von Maria Sveland (Kiepenheuer & Witsch, 2009) aus ihrem Bücherregal und drückte es mir in die Hand. „Lies das mal“, sagte sie.

Ein Roman mit vielen Gedanken und wenig Handlung erwartete mich: Die Protagonistin Sara reist allein für eine Woche in eine Touristenburg nach Teneriffa. Ihren zweijährigen Sohn lässt sie beim Vater. Sie braucht eine Auszeit, fühlt sich ausgebrannt und bitterfotzig. Ein Begriff, den ich noch nie gehört hatte und dennoch erfasste ich sofort das Gefühl, das damit gemeint ist.

Bitterfotze

Am Pool und im Restaurant beobachtet Sara einige Paare und deren Umgang miteinander, reflektiert ihr eigenes Leben, ihre Rolle(n) und betrachtet ihre eigene(n) Liebesbeziehung(en) – auch die vergangenen – und die Strukturen und Sehnsüchte dahinter.

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Sara stellt Fragen: Was macht für die Gesellschaft eine gute Mutter aus? Eine, die sich selbst, ihre Bedürfnisse und ihr eigenes Leben für die Familie aufopfert? Oder wird das gar als Selbstverständlichkeit betrachtet? Und wann gilt ein Vater als guter Vater? Wenn er die zwei Mindestmonate Elternzeit nimmt? Wenn er Hausmann ist? Wird dann applaudiert? – Wie können Eltern gemeinsam Eltern sein und sich dennoch auch als Paar nicht verlieren? Wie können sie der kräftezehrenden Spirale des Alltags entkommen? Wo ist die Kreuzung, an der man einen Weg einschlagen kann, der die Bedürfnisse aller berücksichtigt? Und wie kann die Umsetzung gelingen? … und immer wieder: „Darf“ eine Frau und Mutter sich ihren eigenen Raum nehmen? Wie wird sie die verdammten Schuldgefühle los, die sich sofort aufdrängen, wenn sie etwas ohne das Kind unternimmt? Der Vater arbeitet unmittelbar nach der Geburt wochen- und monatelang weit weg und gilt dennoch als Held und liebevoller Vater, während die Mutter angesichts einer Auszeit von fünf Tagen abfällig betrachtet und kritisiert wird. Warum diese unterschiedlichen Bewertungen? Kann man sich von dieser eingeimpften Betrachtungsweise lösen?

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Wut und Zorn der Protagonistin stehen am Anfang, mischen sich mit Mutlosigkeit, Verzweiflung sowie Trauer, und werden im Romanverlauf immer mehr auch zu Klarheit und konstruktiven Gedanken geformt.

Eine Lektüre, die den*die Leser*in mit neuen Gedanken entlässt. Eine Leseempfehlung für alle, die sich mit der Struktur von (Klein-)Familien auseinandersetzen möchten, und für alle, die Feminismus als Bewegung verstehen (wollen), die die Welt für alle ein bisschen besser machen möchte.

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