Gelesen im Oktober

Um es gleich vorweg zu nehmen: Der Oktober war ein toller Lesemonat. Ich habe mal wieder viel gelesen und dabei wunderbare Bücher erwischt. Über sowas freu ich mich ja sehr! Und hier wie immer meine absolut subjektive Lesemeinung:

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Claudia Schreiber: Solo für Clara

Um es vorweg zu nehmen: Ein außergewöhnliches und musikalisches Jugendbuch ab 12! Schon beim ersten Durchblättern habe ich die QR-Codes im Buch entdeckt. Normalerweise halte ich von einer schönen Gestaltung mehr, als von solch technischem Schnickschnack, aber hier erfüllt er wirklich einen guten Zweck und unterstützt den Lesegenuss. Die QR-Codes verweisen nämlich auf Musikstücke … Aber lieber erstmal kurz zum Inhalt: Clara van Bergen heißt das Mädchen, das der Leser hier von seinem zwölften Lebensjahr an begleitet, bis es 16 ist. In einzelnen Rückblicken springt man immer wieder in das Leben der jüngeren Clara.
Clara ist musikalisch, willensstark und äußerst intelligent. Schon als Fünfjährige beginnt sie auf eigenen Wunsch, Klavier zu spielen. Schnell stellt sich heraus, wie talentiert sie ist. Sie bekommt mehr Unterricht bei besseren Lehrern. Es dauert nicht lang, da hat sie den Vater mit ihrer Spielkompetenz überholt. Die Schulen werden danach ausgesucht, ob sie mit Claras Musik vereinbar sind und Clara weiß: ich möchte Pianistin werden. Ihr Glück scheint vollkommen, als sie im Alter von elf bei einem Professor Klavier studieren darf.

Der erste Teil des Buches liest sich rasant. Clara gelingt einfach alles: In der Schule ein Überflieger, am Klavier sowieso. Die QR-Codes am Rand des Romans verweise immer auf die Stücke, die Clara gerade spielt, sodass der Leser – mag er auch noch so unmusikalisch sein wie ich – eine ungefähre Vorstellung davon hat, wie anspruchsvoll Claras Spiel ist. Zu dieser perfekten Welt passt auch der Schreibstil: positiv, heimelig und alles ist perfekt und aalglatt. Ich fühle mich sprachlich an Kinder- und Jugendbücher aus den 1950er Jahren erinnert und deren heile Welt.
Und dann gibt es einen Bruch: Ging Clara bisher alles leicht von der Hand, werden mit Beginn des Studiums die Herausforderungen größer, der Druck stärker und sie unzufriedener. Plötzlich spielt die Konkurrenz zu anderen eine Rolle und Clara gelingt auch nicht mehr alles. Sie muss jetzt kämpfen. Auch der Sprachstil wechselt, wird kantiger, weniger gefällig. Was bleibt, sind die QR-Codes, die durch die Musik Claras inzwischen steinigen und anspruchsvollen Weg dokumentieren. „Ist die Musik denn alles?“, fragt Clara inzwischen erschöpft. Um sie herum geben viele Jugendliche, die denselben Weg gehen, auf. Und dann verliebt sich Clara auch noch.
Es hat nicht ganz einen Tag gedauert und ich musste mich schon wieder von Clara verabschieden, weil ich das Buch ausgelesen hatte – wie schade!

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben.

Wie lang wollte ich dieses Buch schon lesen?! Ich kann es gar nicht sagen, so lange jedenfalls, dass ich damit jetzt ziemlich spät dran war. Und es hat sich gelohnt. Jede einzelne der 185 Seiten habe ich genossen und mir langsam auf der Zunge zergehen lassen. So eine runde, schnörkellose Sprache, so authentische Bilder und so warmherzig ! Toll!
Erzählt wird über einen Zeitraum von etwa 80 Jahren das Leben von Andreas Egger, der Anfang des letzten Jahrhunderts in einem Dorf im Tal in den Alpen aufwächst, dort lebt und es nie großartig verlässt, wenn man die Zeit der russischen Gefangenschaft außer acht lässt. Der (Waisen-)Junge kommt als kleines Kind in das Dorf und kommt bei Bauern unter. Er arbeitet als Knecht, Holzhacker, Bergbahnarbeiter und als der Körper nach dem Krieg nicht mehr so mitmacht etwas unwillig als Fremdenführer. Der Roman zeigt das Leben in seiner ungeschönten Härte, mit schweren Verletzungen beim Baumfällen, dem frühen Tod von Eggers schwangerer Verlobter unter einer Lawine, mit Schlägen, Todesfällen … Nichts fehlt von der Palette der Möglichkeiten und nichts wird dramatisiert. Es wird angenommen, es ist Teil des Lebens. Gehadert wird nicht.
Egger lebt in kleinen Kammern, kurzzeitig in einem Haus am Berg und verbringt die längste Zeit in einem kleinen Zimmer, das an die Dorfschule geklebt wurde, und am Ende in einer Höhle am Berg. Zurückgezogen und in Ruhe. Am Ende? Ja, der Roman zeichnet das gesamte Leben von Andreas Ecker. Bis zum Ende. Falls nicht bereits geschehen: Bitte lesen.

Jane Gardam: Letzte Freunde

Ich habe so sehr auf den dritten und letzten Teil der Anwalts-Trilogie von Jane Gardam gewartet. Anwalts-Trilogie klingt so gar nicht nach dem, was die Bücher tatsächlich sind. Sehr schnörkellose, englische Erzählungen über das Leben mit seinen Umwegen und mit seinen dunklen Seiten. Und doch: Die Protagonisten sind Anwälte. Die beiden Kronanwälte Terry Veneering und Edward Feathers, genannt Old Filth, die einander nicht grün sind. Überraschend erfährt der Leser zu Beginn des Romans, dass inzwischen beide Protagonisten verstorben sind. In Rückblicken werden dann in der gewohnt wunderbaren Sprache von Jane Gardam einige Lücken gefüllt, die die ersten Bände ließen. Erfuhr man im ersten Teil „Ein untadeliger Mann“ alles über die Kindheit von Old Filth in Asien, so ist Veneering bisher ein weißes Blatt für den Leser. Man geht davon aus, dass Veneering auch aus einem gut betuchten Elternhaus stammt und wie so üblich in Internaten aufwächst. Zweiteres ist gar nicht falsch, aber Ersteres absolut. Eine bizarre Kindheit liegt hinter ihm. Aber zu viel will ich hier gar nicht verraten. Toll war es mal wieder! Und ich habe große Lust, gleich nochmal mit dem ersten Band zu beginnen!

Connie Palmen: Du sagst es.

Sylvia Plath und Ted Hughes – zwei große und großartige Schriftsteller des letzten Jahrhunderts wurden ein Paar, waren sehr glücklich, bekamen zwei Kinder, trennten sich und Sylvia nahm sich das Leben. So könnte die Kurzfassung des Romans lauten. Connie Palmen hat aber viel mehr daraus gemacht. Bauend auf viel Recherche, vielen Briefen und Tagebüchern erzählt Palmen die Liebesgeschichte der Schriftsteller aus der Perspektive von Ted Hughes. Ich muss zugeben, ich hatte es mir anders gewünscht und habe die ersten 50 Seiten auch damit gehadert. Ich hätte mir Sylvias Perspektive gewünscht oder eine auktoriale. Aber dann habe ich mich angefreundet mit der Perspektive von Hughes. Das junge Paar hat den schriftstellerischen Durchbruch noch nicht geschafft, als es sich kennenlernt. Die beiden führen eine leidenschaftliche Beziehung, die von Beginn an schon von Plaths Depressionen und den Suizidversuchen der Vergangenheit gezeichnet ist. Die beiden reisen durch Europe, wechseln mehrmals den Wohnort und sind sehr glücklich. Als Sylvia schwanger wird, arbeitet sie besessen. Sie möchte unbedingt vor der Geburt Erfolg haben mit ihren Gedichten. Hughes ist zu dem Zeitpunkt schon angekommen in der literarischen Welt. Auch das schwingt immer mit: Eine Mischung aus Stolz und doch auch Neid auf den Erfolg des jeweils anderen. Eine intensive Beziehung, die nach zwei Kindern daran zerbricht, dass Hughes die Enge nicht mehr aushält und eine Affäre beginnt. Mit deren Auffliegen beginnt das Ende.
Ein intensiver biografischer Roman, der mich sehr begeistert und mitgenommen hat.

Gert Möbius: Halt dich an deiner Liebe Fest – Rio Reiser

Wie sehr hatte ich mich auf dieses Buch gefreut!? – Und war erstmal total gefrustet und bin ewig über die ersten Seiten nicht hinweggekommen. Ich war müde und Rio Reisers Bruder hat immer wieder den Faden verloren und sich in seinen Erinnerungen verwickelt. Dabei hatte mir doch die Idee einer Familienbiografie – die ist es nämlich eigentlich – so gut gefallen und ich mag es, wenn Biografien viel Fotomaterial enthalten so wie hier.
Und dann habe ich dem Buch während ein paar Tagen an der Nordsee mit mehr Zeit und weniger Müdigkeit nochmal eine Chance gegeben. Und schau an: Ich habe mich festgelesen und das Buch in weniger als 24 Stunden ausgelesen. Ja, Gert Möbius ist an einigen Stellen schwafelig, aber er ist auch ein spannender Erzähler und ein sehr interessanter Mensch. Gebannt habe ich die Seiten über das Aufwachsen der drei kreativen Geschwister gelesen. „Was die in jungen Jahren alles schon auf die Beine gestellt haben?!“ Musik gemacht, Theater gespielt, Lieder geschrieben, Bilder gemalt – viel davon mit den „Großen“ und auch außerhalb eines behüteten Elternradius‘ … Wie viel Mut dazugehört, Glauben an sich selbst und wie viel Unterstützung von Zuhause – und das alles Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre! Ich habe gestaunt. Der Radius wuchs weiter, die Projekte wurden größer … Die Biografie ist natürlich auch ein Abbild der deutschen Geschichte. Die Brüder zieht es immer wieder nach Berlin. Jugendarbeit. Projekte. Ideen … Viel Persönliches über Rio, aber nicht zu privat. Eine inspirierende und respektvolle Biografie, aus der ich viel mitgenommen habe.

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