Neues aus dem Bücherregal

„KUUUUCKAAA!!“, brüllt das Kleinkind und haut mir mit voller Wucht ein Taschenbuch auf den Kopf. Ich liege mit geschlossenen Augen auf dem Sofa und hoffte eigentlich unsichtbar zu sein. Das hat nicht geklappt. Beim Kind funktioniert das doch auch immer?!
Ich schaue mir das Buch an, das neben meinem Kopf liegt. `Umsonst geht nur die Sonne auf. Eine Erzählung über Kinderarbeit vor hundert Jahren.´ Was will mir das Kind damit sagen? Muss ich ab sofort die Spülmaschine wieder allein ausräumen?

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Wir einigen uns darauf, doch lieber ein Bilderbuch zu anzuschauen. „Hoch oben am Himmel steht der Mond“, erzähle ich und werde jäh unterbrochen von einer Faust, die vehement auf die Seite einschlägt. „BALL! BALL! BALL!“ – „Aber das ist doch der Mo…“, setze ich zaghaft an. – „BALL! BALL! BALL!“, werde ich übertönt. „Gut, hoch oben am Himmel steht der Ball und leuchtet hell“, lese ich. Ein zufriedenes Zahnlückenlächeln ist mein Lohn, bevor meine Finger schmerzhaft zwischen den Pappseiten des Buches eingequetscht werden.

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Axel Hacke: Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen

Ein kleines, feines Büchlein, das gut in der Hand liegt, in einem wunderschönen Umschlag mit geprägten Buchstaben. Schon von außen macht Axel Hackes „Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen“ aus dem Verlag Antje Kunstmann einen so guten Eindruck, dass sich gleich der „Fuff“ dazugesellt hat.

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Das Buch ist kein Sachbuch, eher ein Plädoyer für zwischenmenschlichen Respekt, Wertschätzung und Rücksichtnahme, eine nachdenkliche Gedankenreihung und gleichzeitig ein (fiktives) Gespräch zwischen dem Autor und einem namenlosen Freund.

Es beginnt beim Bier und mit der Frage, ob man das Getränk einer Brauerei, die für Umweltsünden verantwortlich ist, überhaupt trinken dürfe. Was ist Anstand, respektive anständig sein denn überhaupt? – Dieser Frage geht Hacke nach und greift dabei aktuelle gesellschaftliche und politische Themen auf, reist aber auch in die Vergangenheit. Er formuliert – passend zum Getränk – süffig und leicht zugänglich, serviert aber keine leichte Kost: Hacke zitiert Erich Kästner, Mark Twain, den Soziologen Zygmunt Baumann und weitere kluge Köpfe und zieht ganz nebenbei auch aktuell diskutierte Künstler oder den NATO-Gipfel in Brüssel heran. Er schreibt über die AfD, über Liberale und über Trump, und darüber, was sich gehört und was man eben so macht oder eben nicht, über Dummheit, aber auch über Feinfühligkeit und Empathie.

Viele kleine Thesen, fundiertes Wissen, zahlreiche Passagen, die zum Immer-wieder-Lesen anregen, machen das Buch zu einem ganz besonderen. Eine Lektüre, die es in sich hat und viele Impulse zum Nach- und Weiterdenken bietet. Von mir gibt es eine Leseempfehlung für alle, die nicht gern Nabelschau betreiben und einen offenen Geist haben.

P.S. Das Buch endet natürlich auch mit einem Bier. Dem vierten.

John Green: Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken

Ich lese ja wahnsinnig gern zwischendurch auch mal Jugendromane. Auf den neuen John Green war ich total gespannt.

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In „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ aus dem Hanser Verlag geht es um das 16-jährige Mädchen Aza, das neben den normalen Schwierigkeiten der Pubertät mit seinen Zwangsgedanken zu kämpfen hat und in einer Art Parallelwelt lebt.

John Green beschäftigt sich immer mit Themen, die anderen unangenehm sind. „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ rund um die beiden krebskranken Jugendlichen Hazel und Gus hat mir beispielsweise mehr als einen Kloß im Hals verpasst. Und auch Azas Zwangsgedanken und Zwangshandlungen sind authentisch und einfühlsam in die Geschichte eingewoben, in der es auch um Freundschaft, zaghafte Liebe und einen verschwundenen Millionär geht. Beklemmend und so nachvollziehbar beschreibt Green die Gedankenwelt und die Ängste des Mädchens vor Bakterien und tödlichen Krankheiten, dass man als Leser plötzlich selbst meint, einen bepflasterten Mittelfinger mit pochender Wunde darunter zu spüren.

Trotzdem war ich nicht sofort gefesselt. Ich hatte bestimmt schon hundert der zweihundert Seiten gelesen, bis es mich so richtig packte. Im zweiten Teil steht Azas Mädchenfreundschaft zur Fan-Fiction-Autorin Daisy mit dem Star-Wars-Fimmel und die zarte Beziehung zu Davis im Fokus. Aza reflektiert ihr Verhalten, erkennt langsam ihr Problem und weiß immer mehr, dass sie etwas ändern muss.

Ich habe den Roman gern gelesen und finde auch hier Greens Fähigkeit, das „Innenleben“ eines Mädchens so behutsam und echt in Worte zu fassen unglaublich. Das Buch ist gut komponiert, die Sprache wie immer besonders und wunderbar. Trotzdem hat das Buch mich leider nicht vom Hocker gehauen.

Stephanie Schönberger: Das Karma, meine Familie und ich

So ähnlich wie auf dem Buchcover sieht es hier auch oft aus: Das Kleinkind turnt mit, wenn die Mama Yoga übt. Deshalb hab ich bei diesem Buch sofort zugreifen müssen. Allerdings ist hier der herabschauende Hund die Lieblingsasana des Kindes.

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Yoga praktiziere ich in wechselnder Intensität schon seit über zehn Jahren. In der Zeit habe ich verschiedene Stile ausprobiert (Hatha, Vinyasa, Kundalini, Anusara, Iyengar, Jivamukti …) und mich auch immer mal wieder mit der Philosophie dahinter auseinandergesetzt – zugegebenermaßen recht oberflächlich, weil dann doch das Durchhaltevermögen fehlte oder etwas anderes dazwischengrätschte … Umso neugieriger war ich dann jetzt, wie denn Yoga nicht nur in Form der Körperübungen, der Asanas, als Ausgleich mein Leben bereichern kann, sondern mit seiner Philosophie aus den alten Schriften, wie dem Yogasutra, als wahrer Helfer im Alltagschaos dient.

In den ersten Kapiteln des Buches habe ich mich sehr ertappt gefühlt: Kleinkind(er), Freiberuflichkeit, Zweitjob, Haushalt, Privatleben etc. das MUSS doch ALLES gehen! Die Autorin berichtet ungeschönt von ihrer anstrengenden Ausgangssituation und von ihrem Weg, die Yogaphilosophie auf ihr Leben zu übertragen und davon für den Alltag zu profitieren.

Diesen Aufbau des Buches finde ich sehr geschickt. Denn Stephanie Schönberger zeigt nicht mit dem Zeigefinger sagt: Das machst du alles falsch! Stattdessen zieht sie eine ehrliche Bilanz und beschreibt einen besonderen Augenblick mit ihrer Tochter, der die Wende brachte: Sie wurde achtsamer, reflektierte, vereinfachte und veränderte den Blick auf ihr (Familien-)Leben und die Dinge drumherum.

Ich empfand die Lektüre sehr inspirierend und habe einiges mitgenommen, was ich selbst umsetzen möchte. Gegen das zettelrausrupfende Kleinkind habe ich jede Menge Eselsohren an den unteren Seitenkanten gemacht: Da will ich nochmal nachlesen.

Für yogainteressierte Mütter spreche ich eine klare Leseempfehlung aus!

 

Dr. Libby Weaver: Das Rushing Woman Syndrom

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Eine absolute Empfehlung von mir!
Ein tolles Buch für alle, die immer unter Strom stehen, die durch ihr Leben mit Vollgas brausen und sich dann wundern, warum ihr Körper das nicht spurlos mitmacht … (Komisch, ne?! 😅😉) Dr. Libby Weaver erklärt die Mechanismen des Körpers unter Stress und die biologischen Zusammenhänge, z. B. was Stress für einen Kinderwunsch bedeutet, woher die schlimme Dauererschöpfung kommt oder warum sämtliche Abnehmversuche unter bestimmten Bedingungen nur scheitern können.
Klar, kann sie dem Tag auch nicht mehr Stunden geben, aber sie gibt Tipps und hat Ideen, wie man zumindest ein bisschen an den Stellschrauben drehen kann, sodass die Lebensqualität steigt. Ich sag nur: Selbstfürsorge. So wichtig!

Gelesen im Mai 2017

Der Stapel aus Büchern, die noch gelesen werden möchten, wird höher und immer höher. Die Liste der Bücher, die ich mir wünsche, wird auch immer länger … Aber ein bisschen gelesen habe ich auch:

Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Der dritte Band von Meyerhoffs kleiner biografischer Reihe ist vor kurzem im Taschenbuch erschienen und stand schon länger auf meiner To-read-Liste. Die ersten beiden Bücher Alle Toten fliegen hoch. Amerika. und Wann wird es endlich wieder so, wie es mal war hatten mir schon gut gefallen.

Ich mag Meyerhoffs unaufgeregten Erzählstil, der mich auch hier wieder von der ersten Seite an regelrecht umarmte und ins Buch hineinzog. Ich konnte es kaum beiseite legen und hatte es innerhalb weniger Tage ausgelesen. DAS ist für mich das wichtigste Kriterium für ein gutes Buch!

Die Geschichte spielt in München, gegenüber vom Nymphenburger Park. Dort haben die Großeltern ihr großes Haus. Es muss sich der Beschreibung nach eher um eine großbürgerliche Villa handeln, die von alten Bäumen umringt ist. Hier hat jeder Gegenstand einen festen Platz, der sich niemals ändert. In diesem Haus leben Joachim/Jokkis Großeltern in einer minutiösen Struktur, die sich Tag für Tag wiederholt. Morgens beginnt sie mit Enzian-Schnaps und am späten Abend endet sie mit sehr schwerem Rotwein. Und zwischendrin gibt es auch genug Alkohol – keine Sorge.

Hier bewohnt der Protagonist drei Jahre lang ein sehr, sehr rosafarbenes Zimmer – in dem sich natürlich auch nichts ändert -, während er die Otto-Falckenberg-Schule besucht und dort mehr oder weniger erfolgreich Schauspiel studiert. Schon die bestandene Aufnahmeprüfung wirkt fragwürdig und außer Kampfsport hat er auch eigentlich an nichts dort groß Freude. Pikanterweise hat seine Großmutter an genau dieser Schule jahrelang unterrichtet …

Seite für Seite entspinnt sich eine wunderbare Mischung aus Beschreibung von Situationen, Skizzen einzelner Personen und Rückblicke auf die Familie sowie die Kindheit und Jugend des Protagonisten und damit immer wieder Verweise auf die ersten beiden Bücher.

Der Verlag hat für den Herbst schon den vierten Band angekündigt. Ich freu mich total, dass es weitergeht!

Und sonst noch?

Ein geheimes Buch, das im Herbst erscheint, …

… und ein richtig geheimes Buch, das ebenfalls im Herbst auf den Buchmarkt kommt, habe ich noch gelesen, …

Susanne Weber, Tanja Jacobs: Die Eule mit der Beule. Oetinger

… und selbstverständlich Die Eule mit der Beule. Täglich, mehrmals, mit geschlossenen Augen, auch rückwärts oder nur jede zweite Seite – und immer noch mit Freude. Inzwischen ist nicht mehr die Fuchs-Seite die liebste, sondern die mit der Schlange. Nur damit ihr Bescheid wisst.

Gelesen im April 2017

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Krügel, Mareike: Sieh mich an. Piper Verlag, erscheint am 1. August 2017

Ronge, Hartmut: Das Mundart-Bilderbuch POTT, Riva Verlag

Lenz, Gudrun: Sommer in Berlin, Elsengold

Jacobs, Tanja/Weber, Susanne: Die Eule mit der Beule, Oetinger

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… und noch ein ganz geheimes Buch. :-)