Gelesen im Mai 2016

Vorbei ist der Mai!
So aufregend wie dieser Monat war, ist es kein Wunder, dass ich nur wenig Lesezeit hatte. Viel gibt es nicht zu lesen für Euch: Immerhin habe ich es auf drei Romane gebracht, aber zwei davon sind noch lang nicht erschienen. Die Sachbücher, die ich (quer)gelesen habe, habe ich mal nicht mit aufgelistet.

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Hannah Rothschild: Die Launenhaftigkeit der Liebe. DVA, ET: 12.9.2016

Peter Swanson: Die Gerechte. Blanvalet. ET Jan/2017

Guus Kuijer: Die Bibel für Ungläubige. Genesis. Kunstmann-Verlag

Der Titel dieses Buches benennt genau das, was den Leser erwartet: Das Buch Genesis aus der Bibel. Guus Kuijer hat seine eigene Version der Bibel aufgeschrieben. Eine Bibel nicht nur für Ungläubige müsste das Buch eigentlich heißen. Denn alle, die die biblischen Geschichten der Genesis über den Anfang der Welt, Adam und Eva, über Isaak oder über Jakob schon gut kennen, werden überrascht sein, dass sie die Geschichten einerseits wiedererkennen und andererseits so anders und neu lesen (oder vorgelesen bekommen).

Obwohl er selbst nicht an Gott glaubt, kennt Guus Kuijer die biblischen Geschichten in ihrer ursprünglichen Form besonders gut und hat sie mit viel Fantasie in seinen Texten lebendig werden lassen, indem er sie ergänzt und ihnen regelrecht Leben eingehaucht hat. Ein bisschen was hat er immer hinzugedichtet, die Figuren sind bunt und lebendig, die Hitze Wüste ist spürbar und die Atmosphäre ist abenteuerlich. Ja, man kann sagen, die Geschichten sind spannender, emotionaler als die „Originale“ – und keine Sekunde langweilig. Dieses Buch fesselt alle – Große wie Kleine. Am besten liest man es zusammen.

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Gelesen im April 2016

Jetzt beginnt wieder die Saison des Vorablesens. Das bedeutet, dass ich Bücher bereits lesen darf, (lange) bevor sie auf den Markt kommen. Das heißt dann aber auch, dass ich natürlich noch nicht darüber sprechen und schreiben kann. Für Euch vielleicht etwas frustrierend, aber in wenigen Monaten reiche ich meine persönliche Leseeinschätzung zu den Schätzchen natürlich nach.

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Und nun die Liste der Bücher, die es im April nun in meine Hände geschafft haben:

Antonia Hayes: Die relative Unberechenbarkeit des Glücks. Blanvalet (ET: 15.8.2016)

 

Jakob Hinrichs: Hans Fallada, der Trinker. Eine Graphic Novel. Büchergilde Gutenberg/Metrolit

Was für ein beeindruckendes Buch! Der Illustrator Jakob Hinrichs hat Auszüge aus Falladas Biografie und der Entstehungsgeschichte des Trinkers mit dem Romans selbst verknüpft und dazu eine düster-bedrückende und gleichzeitig wunderschöne Welt illustriert. Allein die Bilder sind schon ein wahrer Augenschmaus und man kann erahnen, wie lang der Illustrator an Komposition und Umsetzung gesessen haben muss. Das Buch ist wirklich ein Augenschmaus trotz des sehr bedrückenden Themas und des unglücklichen Lebens Falladas. Ich spreche eine große Empfehlung aus! Das Buch kann man sich gut selbst schenken oder sich wünschen … zum Beispiel.

 

Ferdinand von Schirach: Tabu. Piper

Krimi? Nicht Krimi? So genau weiß man das auf den ersten 100/150 Seiten nicht und auch danach bleibt der Roman voller Überraschungen. Ich finde von Schirachs schnökellosen, unaufgeregten und doch gleichzeitig so besonderen Stil einfach nur toll. Aber er polarisiert. Man muss das mögen. Fans von schnellen, spannenden und blutrünstigen Krimis kommen hier nicht auf ihre Kosten. Psychologisch interessierte Leser, die die Geschichten hinter den Fällen sehen wollen, sind hier genau richtig. Auch in diesem Buch trifft der Leser auf einen auktorialen Erzähler. Dieser berichtet von der ungewöhnliche Kindheit von Sebastian, der vieles erlebt, was man nicht als gewöhnlich bezeichnen kann. Prägend für sein ganzes Leben und tragisch ist der Moment, in dem der Junge den Selbstmord seines Vaters entdeckt. Er verschließt dieses Erlebnis in sich und trägt es mit sich. Als wegweisendes Erlebnis, so kommt es dem Leser vor. Als Fotograf/Fotokünstler wird Sebastian berühmt, führt ein rasantes und ausschweifendes Leben, lässt aber niemanden so recht an sich heran.

Und dann wird ihm plötzlich vorgeworfen, einen Mord begangen zu haben. Die Indizienlage scheint eindeutig. Und auch hier löst Schirach die Situation mit den für ihn so typischen analytischen Handgriffen. Puuuh, war das toll. Ich bin sehr begeistert!

 

Kit de Waal: Mein Name ist Leon. Rowohlt.

Was für ein bedrückender und den Hals zuschnürender Roman! Der Schwägerin des großartigen Autors und Keramikkünstlers Edmund de Waal (Der Hase mit den Bernsteinaugen) ist es auf beeindruckende Weise gelungen, sich in die Gefühlswelt des kleinen, vernachlässigten Jungen Leon hineinzuversetzen. Leon wächst in den frühen 70er-Jahren als Mischlingskind auf. Seine Mutter gerät nach der Geburt seines kleinen Bruders Jake vollkommen aus dem Tritt. Der Neunjährige versucht, die Fassade der heilen unheilen Familie aufrecht zu erhalten und muss natürlich schmerzhaft scheitern. Die Mutter wird eingewiesen, die Jungen kommen zunächst gemeinsam zu einer Pflegemutter. Kurz darauf wird der weiße Jake adoptiert, während Leon verwirrt, verletzt und einsam bei der ältlichen Pflegemutter zurückbleibt. Er schlägt sich durch, gibt sein Bestes und versucht sich selbst die Welt zu erklären. Sehr schmerzhaft zu lesen, fand ich. Wenn „herzzerreißend“ nicht so ein blöd-ironisches Wort wäre, wäre es das richtige an dieser Stelle.

 

Patti Smith: M Train.

Hach, hach, hach! Das war ein echter Lesegenuss! Auf fast jeder Seite der Erinnerungen/Erinnerungsfragmente von Patti Smith habe ich Sätze festhalten, einsaugen und in mein Gehirn prägen wollen. Impulsgesteuert scheint Patti Momentaufnahmen aus ihrem Leben seit den 80er Jahren zu erzählen. Lose miteinander verbunden durch ihre Leidenschaft zu Kaffee, Cafés, dem Reisen, Menschen, der Literatur und nicht zuletzt der Fotografie.

Besonders eingeprägt hat sich mir eine Passage, den sie über Camus‘ Der erste Mensch schreibt: „faszinierte mich […] vielleicht mehr die Sprache als der Inhalt. Aber wie dem auch sei, ich konnte mich an nicht eine Einzelheit erinnern. Ich nahm mir zwar vor, beim Lesen präsent zu bleiben, musste aber schon den zweiten Satz des ersten Absatzes zweimal lesen – eine lange Kette von Wörtern, die wie auf dem Schweif träger Wolken ostwärts zogen. Ich wurde schläfrig – eine hypnotische Schläfrigkeit, gegen die selbst ein dampfender schwarzer Kaffee nichts ausrichten konnte.“ Ziemlich genau so ging es mir mit M Train: Ich bin beim Lesen immer wieder in eine Parallelwelt abgedriftet und habe in genau der besonderen, irgendwie lyrischen und doch so unaufgeregten Sprache weitergeträumt. Ich habe mich geärgert, weil ich nicht weiterkam und gleichzeitig habe ich diese besondere Stimmung so genossen … Ein ganz besonderes Buch! Auf meinem Stapel liegt noch Just Kids – das Vorgängerbuch – allerdings auf Englisch. Das muss ich bald beginnen zu lesen. Unbedingt!

 

Joachim Meyerhoff: Alle Toten fliegen hoch. Amerika

Ein klares Jungsbuch! Wer ein Buch vom Stapel des Liebsten mopst, muss wohl damit rechnen … Joachim Meyerhoff ist gefeierter Schauspieler am Burgtheater und erfolgreicher Autor, inzwischen ist sein drittes Buch bei Kiepenheuer und Witsch erschienen. Ich hatte schon mal einen Versuch mit diesem, seinem ersten Buch gestartet – und wieder abgebrochen. Ich glaube, auch das lag daran, dass es sich um ein echtes Jungsbuch handelt. Der autobiografische Roman Meyerhoffs setzt in dessen Jugend an, beschäftigt sich mit der Familienkonstellation (starke Mutter, schwacher, theorielastiger Vater), den Unsicherheiten des Protagonisten und irgendwie im Zentrum dessen Austauschjahr in den USA, das denkbar schlecht beginnt, eine dramatische Mitte hat und doch gut ausgeht. Schmerz und Humor liegen bei Meyerhoff oft nah beieinander und seine Schreibe ist echt und nah. Das hat mich dann doch gefesselt. So sehr, dass ich mich auch an seinen zweiten Roman gewagt habe:

 

Joachim Meyerhoff: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war.

Das ist doch gar kein Roman! Mein von Geschichten, Episoden und Erzählungen begeistertes Herz hopste ein bisschen, als ich feststellte, dass der zweite Meyerhoff eigentlich genau meinem Genre entspricht. „Alle Toten fliegen hoch Teil 2“ lautet der nicht wirklich korrekte Untertitel, denn dieses Buch beginnt bereits in der Kindheit des Autors, also eigentlich vor dem 1. Teil. Die letzte Geschichte endet aber immerhin deutlich nach dem Austausch-Jahr in den USA. Nur locker miteinander verbunden sind die einzelnen Episoden miteinander und jede für sich nicht besonders aufregend, aber auch wieder geprägt von Melancholie und Witz.

 

Jami Attenberg: Saint Mazie. Schöffling & Co. ET: Herbst 2016

 

Anne Berest: Emilienne oder die Suche nach der perfekten Frau. Knaus ET 12.9.2016