Eva Rincke: Joseph Pilates

„Der Mann, dessen Name Programm wurde“ – was für ein schöner Untertitel für eine Biografie!

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Nach den Ideen von Joseph Pilates turne ich schon länger  und es tut mir sehr gut. – Das liegt aber natürlich auch an Eva von Eva-Pilates … ;-) – Deshalb war ich gleich neugierig, als ich gesehen habe, dass es auch endlich eine deutsche Biografie über Pilates gibt.
Die Geschichte über den gelernten Bierbrauer aus Mönchengladbach ist spannend: Schon als Junge interessierte es sich für Sport und körperliche Ertüchtigung. Sein Vater nahm ihn mit in den Turnverein und der kleine Joseph stellte sich schon früh als Talent heraus. Eine sportliche Ausbildung hat Pilates nie bekommen. Er war Autodidakt und studierte seine Vorbilder. Schon früh hatte er mit selbst konzipierten Übungen Erfolg: seine unter Rückenschmerzen leidende Mutter wurde schmerzfrei.
Privat scheint Pilates wahrlich kein Sonnenschein gewesen zu sein. Zweimal verheiratet, ließ er Frauen und Kinder im Stich und wanderte nach einem kleinen Umweg ins Internierungslager in England allein in die USA aus auf der Suche nach beruflichem Erfolg. Doch der stellte sich nur bedingt ein. Das lag aber mehr daran, dass Pilates ein schwieriger Charakter war und wenig geschäftstüchtig, als an seiner Trainingsmethode: Pilates machte verletzte Tänzerinnen wieder fit und schmerzfrei und trainierte auch viele Filmsternchen.
Zeit seines Lebens legte sich der ungeduldige Pilates gern mit allen an und versuchte bis ins hohe Alter mit jungen Klientinnen seines Studios anzubändeln. Seine langjährige Lebensgefährtin Clara war vermutlich nicht begeistert.
Das Cover-Motiv ist übrigens kein Zufall: Pilates trainierte stets nur mit Badehose bekleidet. So ging er auch joggen. Schießlich sollte jeder seinen gut trainierten Körper sehen.

Das Buch ist spannend zu lesen und gut recherchiert. Gerade zum Ende hin finde ich es aber recht „kuddelmuddelig“ geschrieben. Die Zeitsprünge hin und her sind anstrengend und verwirren. Ein bisschen mehr Romancharakter würde dem Buch gut tun, glaube ich. Trotzdem lege ich es allen Pilates-Begeisterten ans Herz.

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Druckfrisch am 12. November!

Ein neues Buch! Ein neues Buch!

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Im Frühsommer habe ich mich gedanklich auf diversen Bauernhöfen aufgehalten und daraus insgesamt 22 Geschichten gestrickt, zu denen Anna Karina Birkenstock anschließend superschöne llustrationen gemacht hat. Karina kenne ich schon aus früheren Projekten und ich habe mich total gefreut, dass der Lingen-Verlag sie für mein Buch ausgesucht hat. Mit ihr zu arbeiten hat mal wieder Spaß gemacht und das Ergebnis kann sich wirklich sehen und lesen lassen.
Ausnahmsweise wird das Buch nicht im Buchhandel zu bekommen sein, sondern nur beim Discounter: Ab Donnerstag, dem 12. November, verkaufen die Aldi Süd-Filialen mein Geschichtenbuch. Und die Bücher meiner lieben Kolleginnen Birgit Ebbert und Andrea Behnke gleich mit. Wir drei freuen uns besonders darüber, dass unsere Bücher ein Siegel der Stiftung Lesen tragen. Wow, oder?

Gelesen im Oktober 2015

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Alan Bennett: Die souveräne Leserin
So ein charmantes kleines Büchlein, das der Brite Alan Bennett da über sein höchstes Staatsoberhaupt verfasst hat!
Durch einen Zufall entdeckt die Queen den örtlichen Bibliotheksbus, der vor dem Palast hält, und sie leiht sich ein Buch aus. Aus Pflichtgefühl wird Genuss und die Queen mausert sich zu einer regelrechten Leseratte, die einen belesenen Küchenjungen Norman befördert und sich von ihm Literaturtipps holt. Ab sofort dominieren nicht mehr Smalltalk über das Wetter oder die Anreise die Begegnungen mit dem Volk oder den Repräsentanten anderer Länder. Dem Privatsekretär der Queen missfällt das sehr. Er versucht zu intrigieren – aber gegen den Willen der Queen kommt niemand an.

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Joanna Rakoff: Lieber Mr. Salinger
Autobiografischer Roman, der in einer alteingesessenen New Yorker Literaturagentur spielt. Die junge Joanna tritt nach ihrem Studium ihren ersten Job an und wird Assistentin der Agentin von Salinger. Kurzweilig, verschrobener, netter Roman. Aber nichts, das einem lang im Kopf bleibt. Ich hatte mir irgendwie mehr erhofft. Schade!

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Teresa Driscoll: Für alle Tage, die noch kommen
Da wollte ich was Nettes für zwischendurch – und habe mich von der ersten Seite an geärgert: Lahm erzählt (oder vielleicht nur lahm übersetzt?!) – sprachlich jedenfalls unter aller Kanone mit einem dermaßen vorhersehbaren, uninteressanten Plot. Ich weiß nicht, was ich schlimmer fand. Ich hab es irgendwann weglegen müssen. Das Beste am Buch ist noch das Cover. Schade um das Papier, das hier verdruckt wurde …

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Rolf Lappert: Über den Winter
Lang hab ich gebraucht für das Buch, das es auf die Shortlist für den deutschen Buchpreis geschafft hat. Aber es hat mich nicht losgelassen. Von Lappert habe ich ja vor ein paar Jahren sehr begeistert das Jugendbuch Pampa Blues gelesen. Hier war ich wie gesagt nicht von Anfang an angefixt, aber irgendwie doch vom Protagonisten Lennart Salm in den Bann gezogen worden.
Der fast 50-jährige Künstler, desinteressiert an seiner Kunst, desorientiert im Leben und bindungsphob, kehrt in seine Heimatstadt Hamburg zurück, nachdem seine ältere Schwester Bille gestorben ist. Das frostige Wetter und die oft frostig-ungelenke Stimmung im Roman passen nicht nur zu dessen Titel, sondern auch zum Cover. Eine Bestandsaufnahme, ein Männerroman. Eindringlich, sich in alle Erinnerungsritzen drängend. Warum? Lappert ist ein genialer Seelenentblößer.

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Astrid Lindgren: Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939-1945
Ausführliches Lesefazit hier

Astrid Lindgren: Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939-1945

Astrid Lindgren ist Mitte dreißig, gelernte Sekretärin, arbeitstätige Hausfrau, Mutter – und über sechs Jahre lang Kriegsbeobachterin im Privaten.

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Zwischen ihrem Job in der Briefzensur und dem Familienalltag dokumentiert sie für sich den Kriegsverlauf, klebt Zeitungsausschnitte in ihr Tagebuch, erstellt Zusammenfassungen, reflektiert, bewertet – und das in einer dermaßen hohen Qualität! Ich bin ganz aus dem Häuschen und habe die ganze Zeit Markierungen im Text angebracht.
Das, was ich an ihr als Autorin so schätze: lakonisch, knapp und pointiert zu schreiben, genau das findet sich hier auch: Sie redet Tacheles.

So formuliert sie etwa: „Deutschland gleicht einer bösartigen Bestie, die in regelmäßigen Abständen aus ihrer Höhle hervorgestürzt kommt, um über ein neues Opfer herzufallen. Mit einem Volk, das im Abstand von etwa 20 Jahren so gut wie die ganze übrige Menschheit gegen sich aufbringt, kann etwas nicht stimmen.“ (S. 57)
oder: „Warum begreifen nicht alle Menschen, dass es sich bei einem, der so redet wie Hitler, um einen psychisch kranken Mann handeln muss.“ (S. 189)

Man spürt hier schon etwas von dem, das sich auch in Astreid Lindgrens Rede Niemals Gewalt wiederfinden lässt, die sie 1978 hielt, als sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen bekam – als erste Kinderbuchautorin:
„In diesen Tagen lese ich Grimbergs Weltgeschichte über das antike Rom und über alle Blutbäder und Gräueltaten, Proskriptionen und Eroberungskriege. Wenn man dann die Tageszeitungen liest und auf dieselben geographischen Namen stößt, muss man daran verzweifeln, wie wenig die Menschheit in den vergangen Jahrtausenden gelernt hat.“ (S. 238)
oder: „Italien dagegen hat immer noch nicht aufgegeben, obwohl das Volk für Frieden demonstriert und Frieden haben will. Die schrecklichen Bombenangriffe in Deutschland gehen weiter; bei den Schilderungen aus Hamburg muss man weinen, unfassbar, dass es dort noch Kinder gibt, es ist herzzerreißend, himmelschreiend, unerträglich.“
Beschämenderweise muss ich ja sagen, dass ich in diesem Buch über die Kriegsjahre mehr gelernt habe, als in 13 Jahren Schule – und da ging es gefühlt um kaum etwas anderes als den Zweiten Weltkrieg.

In die Kriegszeit fallen auch Astrid Lindgrens Anfänge als Autorin. Sie gewinnt mit Britt-Mari erleichtert ihr Herz den zweiten Platz eines Wettbewerbs und schafft es, dieses Buch, wie auch Kerstin und ich in einem Verlag unterzubringen. Auch Pippi Langstrumpf entsteht in dieser Zeit und findet nach mehreren Überarbeitungen und Umwegen eine Verlagsheimat. In den Tagebüchern erfährt man immer nur am Rande von Astrid Lindgrens Privatleben und den Büchern. Im Fokus steht der Krieg:
„An der Heimatfront hat Karin Masern gehabt, und zwar mit allem Drum und Dran, und darf noch nicht aufstehen. – Ich amüsiere mich gegenwärtig mächtig mit Pippi Langstrumpf.“ (S. 372)
oder
„Ich habe Frühjahrsputz gemacht, manchmal bin ich froh und manchmal traurig. Am glücklichsten bin ich, wenn ich schreibe. Kürzlich habe ich ein Angebot vom Gebers Verlag bekommen.“ (S. 439)
In einer schlimmen Ehe-Krise: „Blut fließt, Menschen werden zu Krüppeln, überall Elend und Verzweiflung. Und ich kümmere mich nicht darum. Nur meine eigenen Probleme interessieren mich. Sonst schreibe ich immer ein wenig darüber, was zuletzt passiert ist. Jetzt kann ich nur schreiben: Ein Erdrutsch ist über mein Leben hereingebrochen, und ich bleibe einsam und frierend zurück. Ich will versuchen, ‚die Morgendämmerung abzuwarten‘, aber wenn nun einmal gar keine Morgendämmerung kommt?“
Als die Krise wieder abflaut, deutet sie an: „The sailor ist zu Hause, ist in der letzten Zeit wohl ein bisschen viel gesegelt.“ (S. 449)

Verbotenerweise zitiert sie immer wieder ganze Briefe, die sie in ihrer Tätigkeit bei der Briefzensur entdeckt und abgeschrieben hat. Diese geben einen spannenden und oft sehr bedrückenden Einblick in die Situation der Briefschreiber.

Ein nicht nur optisch wunderschön gemachtes Buch mit echtem Leinenrücken und einem Schutzumschlag, der diesen Namen auch verdient, sondern auch inhaltlich ein echtes Kleinod – nicht nur für Astrid Lindgren-Begeisterte – wobei: Gibt es jemanden, der das nicht ist?!

(Ullstein Buchverlage, 24,- €)