Gelesen im September

Vor ein paar Tagen wachte ich auf und dachte: Du hast noch gar nichts gelesen in diesem Monat. Nicht ein einziges Buch! Das fühlte sich ganz komisch an, denn es ist in den letzten schätzungsweise zwanzig Jahren nie vorgekommen. (Damals hatte ich als Teenager mal eine lesefaule Zeit.) Seit über drei Jahren gibt es hier auf dem Blog die Kategorie „Gelesen im …“ Diesen Monat würde sie also das erste Man ungefüllt bleiben. Ein fremdes Gefühl. – Und dann habe ich gemerkt, dass es gar nicht stimmt! Es gab wohl schon Bücher in diesem Monat. Ich hatte nur vergessen, was ich Anfang des Monats gelesen hatte … Das ist echt wahr! Wie gut, dass ich das immer dokumentiere.

Es ist aber auch viel passiert in den letzten Wochen und Monaten. Vor fast genau fünf Monaten habe ich ein Baby bekommen, wie manche von Euch ja wissen. Und dann sind wir jetzt gerade mit (einer ganzen Menge) Sack und Pack auch noch umgezogen. Der Schreibtisch ist als Letzter leergemacht und als Erster wieder aufgebaut worden, denn „natürlich“ hatten gleich mehrere Projekte ihre heiße Phase. Wie das immer so ist. Und bei all dem kann man doch schonmal den Leseüberblick verlieren, oder?!

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Und hier jetzt wie gewohnt der Leseüberblick des letzten Monats gewürzt mit meiner ganz subjektiven Lesermeinung:

Anne Donath: Wer wandert, braucht nur, was er tragen kann, Piper

Ein etwas wilder Mix aus autobiografischem Bericht und lyrisch inspiriertem Reisebericht.
Anne Donath hatte alles: Eine Familie, ein großes Haus, mehrmals im Jahr ein großer Familienurlaub. – Dann kam es zur Trennung vom Mann, die Kinder wurden flügge, und Anne wollte sich kleiner setzen. Sie trennte sich vom „Krempel“, kaufte eine Wiese und ließ eine Blockhütte bauen, die sie rasch abbezahlte. Anschließend arbeitete sie noch einen Tag in der Woche. Das reicht zum Leben und zum Reisen.
Achtsam, liebevoll und sehr reflektiert schreibt sie über genau das und über die Begegnungen, die sie hat. Ein schönes Büchlein, nicht nur für Menschen, die vom Aussteigen träumen.

Alain Grée: Mein erstes Buch Tiere, Ravensburger

Dieses Pappbilderbuch ist eine Art erstes Tierlexikon für Kleine. Die Kategorien sind die klassischen: Auf dem Bauernhof entdecken wir die Kuh, das Schwein und Co. Es folgen Haustiere, Waldtiere, Vögel, Insekten, Meeres- und Zootiere. Das Besondere an diesem Buch – und auch der Grund, aus dem ich auf es aufmerksam wurde – sind die wunderschönen, unverwechselbaren und charmanten Illustrationen des französischen Kinderbuchautors und -illustrators Alain Grée im Stil der 60er-Jahre. Ich glaubte zuerst, dass die ganze Reihe einfach neu aufgelegt wurde, aber tatsächlich sind die Bände 2012 zum ersten Mal erschienen.
Grée hat die Tiere charmant eingefangen und gibt ihnen ein Gesicht, ohne die arttypischen Merkmale dadurch zu verwässern. Klare Farben und Formen lassen die Kleinsten schon eindeutig erkennen, welches Tier sie gerade betrachten und manche Tiere, wie das Pferd oder der Hund bekommen sogar eine eigene kleine Szene, zu der man spontan eine kleine Geschichte erfinden kann. Einen kleinen Wehmutstropfen gibt es jedoch: Die Kategorie Zootiere gefällt mir persönlich gar nicht, denn sie passt so gar nicht zu den anderen, die den natürlichen Lebensraum der Tiere zeigen. Die Tiere sind alle hinter Gittern dargestellt und vermitteln den Kindern den Eindruck, das Löwen, Tiger, Giraffen und Co. den Zoo als natürlichen Lebensraum hätten. Das hätte man besser lösen können.
Der Verlag empfiehlt das Buch ab 2, aber auch Kleinere haben schon Freude daran.

Komako Sakai/Nakawaki Hatsue: Warte, warte – wo wollst du hin?, Moritz-Verlag

Ich bin ein Freund japanischer Kinderbücher. Einfühlsam, mit dem Blick für das Kleine und ganz besondere Illustrationen sind hier häufig anzutreffen. Bei diesem Pappbilderbuch auch. Die Geschichte ist schnell erzählt. Das kleine Kind – es ist vielleicht 1 oder 2 Jahre alt – entdeckt draußen kleine Tierchen, wie den Schmetterling, den Salamander oder die Taube, und stellt fest, dass sie alle weglaufen oder –fliegen, wenn man ihnen zu nahe kommt. „Wo willst du hin?“, fragt das Kind jedes Mal. Auf der letzten Seite ist das Kind dasjenige, das gefragt wird: „Wo willst du hin.“ Die Arme des Vaters greifen nach ihm und heben es auf die Schultern. Eine innige Szene.
Die zarten Illustrationen in dezenten Farben zeigen die Geschehnisse auf Augenhöhe eines etwa 1 oder 2 Jahre alten Kindes. Das ist toll. Körperhaltung und Mimik des Kindes stehen im Mittelpunkt und das jeweilige Tier. Nichts lenkt von diesem Wesentlichen ab. Obwohl wenig zu sehen ist, gibt es viel zu entdecken. Das Buch ist ab einem Jahr empfehlenswert.

Peggy Rathmann: Gute Nacht Gorilla, Moritz-Verlag

Eine Gute-Nacht-Geschichte mit viel Witz und wenig Text und vielen, vielen Tieren. Der Zoowärter wünscht dem Gorilla Gute Nacht und bemerkt nicht, wie dieser ihm den Schlüssel klaut und sich selbst befreit. Der Gorilla lässt nach und nach alle Zootiere frei, die in einer langen Karawane den Zoowärter bis in sein Schlafzimmer verfolgen. Seine Frau bringt dann alle Tiere wieder zurück und wünscht ihnen eine gute Nacht. Doch zwei schaffen es doch, sich wieder unter die Zoowärter-Bettdecke zu schleichen. Eine witzige Geschichte mit vielen Tieren für Kinder ab ca. einem Jahr.

Austin Kleon: SHOW YOUR WORK!, Mosaik

Im Juli habe ich das erste Buch von Austin Kleon gelesen: “Alles nur geklaut”. Darin geht es um kreative Arbeit und wie man seine eigene Kreativität ans Fließen bringt. Das Folgebuch handelt nun davon, wie man seine Arbeit zeigt. Der Untertitel verspricht: „10 Wege, auf sich aufmerksam zu machen“. Den finde ich allerdings absolut nicht passend und total irritierend. Kleon geht es darum, sich wirklich zu vernetzen, und nicht nur Networking zu betreiben. Echte Kontakte zu knüpfen und mit Menschen ins Gespräch zu kommen, statt sie vollzuspammen, indem man ohne Punkt und Komma über sich selbst und über seine Arbeit spricht. Insbesondere in den sozialen Medien kann man es ja so oder so handhaben. Kleon scheint ein wahnsinnig sympathischer und kreativer Mensch zu sein. Ich mag das Buch! Und ich werde es wieder lesen, weil es sehr inspirierend ist.

Nix los hier!

Ja, hier wirkt es in der Tat seit einiger Zeit ziemlich eingeschlafen und die Rate der gelesenen Bücher sinkt auch kontinuierlich. Aber das bleibt nicht so. Versprochen.

Dafür gibt es heute mal ein Foto von den Arschkrampen im neuen Wohnzimmer. Ja, wir sind tatsächlich umgezogen und haben jetzt endlich alle genug Platz. Das ist so schön!

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Gelesen im August 2016

Dieser August war ein aufregender Monat und der September wird nicht minder spannend. Ich tippe diese Worte in Umzugskartonsschluchten sitzend. Die aufgetürmten Kisten beinhalten vor allem Bücher – und ich habe noch nicht fertig gepackt. In wenigen Tagen ziehen wir ein paar Kilometer weiter  in den übernächsten Stadtteil. Dort erwartet uns eine große Altbauwohnung mit doppelt so vielen Zimmern wie bisher und mit gleich zwei Balkonen. Endlich genug Platz für alles!

Deshalb ist die aktuelle Leseausbeute auch echt mau.

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Rose Tremain: Und damit fing es an

Ganz frisch erschienen Anfang August ist dieser wunderbare Roman von Rose Tremain. Wie auch die anderen Romane, die ich von ihr gelesen habe – ich kann gerade nicht nachschauen, welche es sind, weil ein Großteil meiner Bücherregal-Inhalte schon in Kisten verpackt um mich herum aufgetürmt steht – ist es hier auch gar keine laute und Aufsehen erregende Geschichte. Man wird hineingeworfen in die Schweiz der 1940er-Jahre, landet im Leben des Jungen Gustav Perle, der bei seiner alleinerziehenden, gefühlsarmen Mutter in auch finanziell ärmlichen Verhältnissen aufwächst. Das Leben ist nicht leicht. Gustav hat von allem zu wenig: Zu wenig Geld, zu wenig Liebe und zu wenige Freunde. Gustav ist leise und fleißig. Dann kommt Anton in seine Vorschulklasse, ein Junge aus einer reichen Familie, der seine Gefühle laut herausweint. Gegensätzlicher könnten die beiden Jungen nicht sein. Und trotzdem sind sie vom ersten Moment an befreundet und über Jahre engstens verbunden.

Frau Perle gefällt die enge Verbindung zu der jüdischstämmigen Familie gar nicht, die Gründe dafür enthält sie Gustav aber vor, genau wie alles, was mit seinem verstorbenen Vater in Verbindung steht. Gustav muss erst erwachsen werden, bevor er sich selbst auf die Suche macht.
Ein richtig toll durchkomponierter Roman und wunderbar übersetzt!

Julia Claiborne Johnson: Willkommen in der unglaublichen Welt von Frank Banning. Aufbau TB, erscheint am 17. Oktober 2016

Mein Senf dazu folgt im Oktober.

Gelesen im Juli 2016

Patti Smith: Just Kids

Anfang Mai habe ich ja bereits voller Begeisterung über Patti Smiths M Train geschrieben. Und meine Begeisterung für das Vorgängerbuch Just Kids steht dieser in nichts nach! SO ein tolles Buch. Kurz gefasst ist es eine poetisch-inspirierende Biografie.

Patti Smiths lyrischer Bericht beginnt mit ihrem Weg aus der Provinz ins große New York. Zuvor hatte sie in New Jersey in Fabriken gearbeitet und ein ungewolltes Kind geboren und schmerzvoll zur Adoption freigegeben. Pattis Ankunft in New York Ende der 1960er Jahre ist anstrengend: Die ersten Nächte verbringt sie auf Parkbänken und in Hauseingängen. Die Anfänge sind hart für das Mädchen vom Land. Bei einem Aushilfsjob in einer Buchhandlung (ist das nicht sympathisch?!) begegnet sie Robert Mapplethorpe. Er wird ihr Liebhaber, ihr Mitbewohner, ihre künstlerische Inspiration und vor allem ihr Freund fürs Leben. Die beiden schwören einander immer finanziell und in Bezug auf ihre Arbeit zu unterstützen und begleiten sich bei ihren ersten künstlerischen Gehversuchen. Auch der künstlerische Erfolg in Musik, Poesie, Fotografie und im Bereich Installation und Collage sowie Mapplethorpes kleinschrittiges Outing und andere Liebesbeziehungen können der Verbindung der beiden keinen Abbruch tun. Erst Roberts Aidstod Ende der 1980er Jahre trennt Robert und Patti schmerzhaft und endgültig.
Ein Buch voller Liebe, Inspiration und Detailreichtum, das ich von der ersten Seite an verschlungen habe. Eine explizite Leseempfehlung für diese doppelte Künstlerbiografie.

Tove Jansson: Das Sommerbuch

Dieses Buch der Mumins-Erfinderin war ein Spontankauf in einer Bahnhofsbuchhandlung. Ich hatte Lust auf Sommer und auf Skandinavien.
Die biografisch geprägten Sommergeschichten auf einem Inselchen im Finnischen Meerbusen sind nicht so lieblich und romantisch, wie man auf den ersten Blick vielleicht denken mag. Sie haben auch gar nichts von den skandinavisch-ländlichen Geschichten Astrid Lindgrens. Sie sind mystischer, aber auch rauer und ruppiger. Dennoch habe ich mich lesend absolut verloren und weggeträumt auf die moosbewachsene Insel mit dem kleinen, leicht verbauten Häuschen, in dem Sophia den Sommer mit ihrem fischenden Vater und der skurrilen und mutigen Großmutter verbringt.
Jetzt habe ich noch mehr Lust auf Urlaub im Norden …

Austin Kleon: Alles nur geklaut – 10 Wege zum kreativen Durchbruch

Hach, hach, was für ein hübsch gestaltetes und genussvoll weglesbares Büchlein! Austin Kleon ist Autor und Illustrator. Ein kreativer Kopf, der einen Gedichtband gestaltete, indem er aus Zeitungsartikeln die überflüssigen Wörter wegstrich. Was für eine tolle Idee!
In diesem Buch stellt er 10 Thesen zum kreativen Leben auf. Er erfindet das Rad nicht neu, aber gibt eine Menge humorvolle und motivierende Denkanstöße. Zwischendurch ergänzen ein paar Zeichnungen den Text und Zitate kluger Kreativköpfe, die ich gern allesamt unterstreichen wollte. Besonders gefreut hat mich, dass er meine Begeisterung fürs Lesen und insbesondere für Patti Smiths Just Kids teilt. Yeah! Ich lege dieses Buch ans Herz!

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Jesper Juul: Aggression

Jesper Juul wird nicht zu Unrecht so gehypt, finde ich! Er schafft es auf kluge und sensible Art den Menschen die Menschen zu erklären und doch auch wissenschaftlich zu begründen.
Wir alle lehnen Aggressionen ab, aber warum? Juul erklärt warum sie notwendig ist, und auch wie wir mit ihr umgehen können, um sie positiv zu nutzen. Ein gut lesbares, sehr empfehlenswertes Buch.

 

Gelesen im Juni 2016

Man kann ja auch einfach mal vier Wochen für ein Buch brauchen. Auch als buecherprinzessin …

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Joël Dicker: Die Geschichte der Baltimores.

Was habe ich auf dieses Buch hingefiebert! Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert hat mich so begeistert und verzaubert, dass ich es – damals noch im Buchhandel tätig – stapelweise empfohlen und verkauft habe. Ein so gut durchkomponiertes, ein so spannendes, so schönes Buch, das ich einfach nur verschlungen habe! Auch weil man so viel über den US-amerikanischen Buchmarkt erfährt.
Dagegen stinkt Die Geschichte der Baltimores echt ab. Das muss ich so ehrlich sagen. Möglicherweise liegt es daran, dass die Übersetzer nun andere sind. Die Sprache ist nämlich definitiv eine andere. Ich empfinde sie „platter“. Ich kann das nicht so gut beschreiben, was ich damit meine. Jedenfalls ist sie weniger ausgefeilt als bei Harry Quebert. Aber auch inhaltlich sind die Baltimores von anderem Kaliber. Der Protagonist – Marcus Goldman – ist in beiden Büchern derselbe und dennoch haben die Romane so wenig gemein. Hier erzählt Marcus Goldman in Rückblicken die Geschichte seiner Cousins, die tragisch endet, wie der Leser gleich zu Beginn durch kryptische Andeutungen erfährt.

Was mich besonders genervt hat beim Lesen der Baltimores waren diese ständigen Vorausdeutungen, wie „Da wusste ich noch nicht, was einmal geschehen würde!“ So etwas mag ich einfach nicht und empfinde es persönlich als „billiges“ stilistisches Mittel, das mich kein bisschen neugierig macht.

Mein Fazit ist dennoch, dass es eine interessante Geschichte ist, die man z.B. im Urlaub mal gut „wegschmökern“ kann. Leider ist es für mich aber nicht mehr.

Gelesen im Mai 2016

Vorbei ist der Mai!
So aufregend wie dieser Monat war, ist es kein Wunder, dass ich nur wenig Lesezeit hatte. Viel gibt es nicht zu lesen für Euch: Immerhin habe ich es auf drei Romane gebracht, aber zwei davon sind noch lang nicht erschienen. Die Sachbücher, die ich (quer)gelesen habe, habe ich mal nicht mit aufgelistet.

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Hannah Rothschild: Die Launenhaftigkeit der Liebe. DVA, ET: 12.9.2016

Peter Swanson: Die Gerechte. Blanvalet. ET Jan/2017

Guus Kuijer: Die Bibel für Ungläubige. Genesis. Kunstmann-Verlag

Der Titel dieses Buches benennt genau das, was den Leser erwartet: Das Buch Genesis aus der Bibel. Guus Kuijer hat seine eigene Version der Bibel aufgeschrieben. Eine Bibel nicht nur für Ungläubige müsste das Buch eigentlich heißen. Denn alle, die die biblischen Geschichten der Genesis über den Anfang der Welt, Adam und Eva, über Isaak oder über Jakob schon gut kennen, werden überrascht sein, dass sie die Geschichten einerseits wiedererkennen und andererseits so anders und neu lesen (oder vorgelesen bekommen).

Obwohl er selbst nicht an Gott glaubt, kennt Guus Kuijer die biblischen Geschichten in ihrer ursprünglichen Form besonders gut und hat sie mit viel Fantasie in seinen Texten lebendig werden lassen, indem er sie ergänzt und ihnen regelrecht Leben eingehaucht hat. Ein bisschen was hat er immer hinzugedichtet, die Figuren sind bunt und lebendig, die Hitze Wüste ist spürbar und die Atmosphäre ist abenteuerlich. Ja, man kann sagen, die Geschichten sind spannender, emotionaler als die „Originale“ – und keine Sekunde langweilig. Dieses Buch fesselt alle – Große wie Kleine. Am besten liest man es zusammen.