Die neue Nachbarin

Die Nachbarin der neuen Wohnung ist ganz zauberhaft. Schon bei der ersten Begegnung hat sie das Baby angestrahlt und uns von Herzen willkommen geheißen. Ich könne immer klingeln, wenn etwas sei. Wann ich denn den Flur putzen müsse, habe ich gefragt – schließlich wohnen drei Parteien auf einer Etage und man will sich ja nicht direkt unbeliebt machen, weil man nicht putzt. Ach, schüttelte die Nachbarin den Kopf und machte eine wegwerfende Handbewegung. Das sei hier ganz locker.

Zwei Wochen später treffe ich sie auf dem Trockenboden beim Wäscheaufhängen. Ich sei gestern mit Flurputzen dran gewesen und habe das nicht getan, sagte sie mit vorwurfsvollem Blick. Oh, kurz krame ich in meinem Kopf, ob ich eine Notiz, ein Gespräch oder vielleicht sogar eine telepathisch übertragene Nachricht vergessen habe. Aber ich erinnere mich nur an die Unterhaltung, in der Flurputzen nicht wichtig schien. Aber man will ja keinen Streit. Ich entschuldige mich und wir vereinbaren, dass ich in der kommenen Woche putze.

Am darauffolgenden Freitag schwinge ich schon früh am Morgen den Putzlappen. – Ich bin eine fleißige und pflichbewusste Nachbarin! Zwei Stunden später hole ich mir einen Kaffee aus der Küche und höre auf dem Weg verdächtige Geräusche aus dem Flur. Durch die spaltbreit geöffnete Tür sehe ich einen älteren Herrn die frisch geputzten Treppen wischen. Auf meinen vorsichtigen Hinweis, dass ich doch gerade schon geputzt habe, macht er eine mir bekannt vorkommende, abwinkende Handbewegung und putzt weiter.

Am nächsten Tag treffe ich die Nachbarin am Briefkasten. Ihr Bruder habe sich vertan und gestern aus Versehen meinen frisch geputzten Flur gewischt. Der würde sich aber auch nichts ordentlich im Kalender aufschreiben … Ich nicke verstehend, wir besprechen die nächsten Wochen und planen, wer wann putzt. Pflichbewusst übertrage ich die Termine sofort in meinen Kalender. Ich bin ja eine gute Nachbarin!

Letzte Woche Freitag fülle ich den Putzeimer mit warmem Wasser und einem Spritzer Reiniger und gehe in den Flur. Ich habe kaum die ersten Stufen gewischt, da öffnet die Nachbarin ihre Tür. Ihr Bruder habe doch gerade geputzt! Ich sei erst nächste Woche dran. Es sei doch wirklich an der Zeit, dass ich mir die Termine in den Kalender schreibe. … Irritiert entschuldige ich mich, bedanke mich und raffe meine Putzutensilien zusammen. Zurück in der Wochnung checke ich meinen Kalender. „Flurputzen“ steht für diesen  Tag darin. Genau wie in drei Wochen, drei Wochen später usw.
Beim nächsten Gang durch das Treppenhaus halte ich unauffällig nach einer versteckten Kamera Ausschau.

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Das kleine Glück

Als ich mich zum Flaschencontainer durchkämpfe, ärger ich mich über den Müll, die alten Teppiche, Gardinen und Fernseher, die jemand hier achtlos entsorgt hat.
Da sagt eine Stimme: „Hier findet man immer was Schönes!“ Eine Frau mit lang nicht gewaschenen Haaren und einem fleckigen Beutel, gefüllt mit Pfandflaschen, zieht ein abgeliebtes Kirmesstofftier aus den 80ern aus dem Haufen vor dem Container.
Die Frau ist sicher nicht älter als ich – ihr Gesicht aber ist von tiefen Sorgenfurchen gezeichnet und ihre Schultern sind gebeugt von großer Last. Sie strahlt ihren Fund an und klopft den Dreck ab. „Eine Runde in der Waschmaschine und du bist wie neu.“
Kurz darauf sehe ich sie im Supermarkt an der Kasse wieder. Sie bezahlt eine kleine Flasche Dirty Harry mit 1- und 2-Centstücken.

Gelesen: Ada Dorian, Betrunkene Bäume

 

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Ada Dorian: Betrunkene Bäume, Ullstein Fünf

„Betrunkene Bäume“ ist eine große Entdeckung für mich! Es ist sprachlich ganz fantastisch und auch wunderbar komponiert mit verschiedenen Perspektiven und Rückblicken, die ganz harmonisch miteinander funktionieren und ineinandergreifen, auch wenn manchmal die Bögen recht weit geschlagen sind. Ich fühle mich insgesamt erinnert an Robert Seethaler: Ein ganzes Leben – mal so zur Einordnung. Ein leicht trauriges, melancholisches Buch, das von Momenten lebt.

Protagonist ist der einsam lebende alte Mann Erich, der sich an Erinnerungen klammert, erfüllt ist von Schuldgefühlen und der Sehnsucht nach seiner großen Liebe Dascha. Erich lebt faktisch in Deutschland, aber innerlich ganz im sibirischen Wald. Dort erlebte er als junger Mann Monate, die sein Leben noch jetzt bestimmen: Forschung an Bäumen, die in sein heutiges Leben reicht, durch Kontakt zu Wissenschaftlern vor Ort und an deutschen Unis und die Begegnung mit seiner großen Liebe Dascha.
Diese lebte allein in einer ärmlichen Hütte und hatte ein Kind von Erichs einzelgängerischem Führer durch die Wälder, Wolodny, der sich aber nicht kümmerte. Erich holte die Frau und das Kind nach Deutschland. In hohem Alter kehrte Dascha nach Sibirien zurück. Erich wollte mitkommen, schaffte es aber nicht vor lauter Schuldgefühlen Wolodny gegenüber. Er lebt nun allein in einem heruntergekommenen Haus. Nachbarin ist Katharina, ein junges Mädchen, das von Zuhause abgehauen ist und illegal dort lebt. Erich engagiert sie als eine Art Haushälterin, nachdem er die Pflegerin, die seine angenommene Tochter engagiert hatte, einfach rauswirft.
Er kann nicht anders handeln, denn Erich hat ein Geheimnis: In seinem Schlafzimmer wachsen Bäume. Echte Bäume. Als das Geheimnis rauskommt, soll Erich ins Heim. Er sieht nur einen Ausweg. Dabei spielt Katharina eine tragende Rolle …

Ein wunderbares Buch. Unaufgeregt, kenntnisreich und berührend bis zu letzten Seite!