Gelesen im Juli 2015

Der Juli war proppenvoll und ruckzuck um!
Vielleicht weil und nicht obwohl es ja nur noch das Homeoffice gibt. – Ich sollte mal nicht so oft gucken, was da gegenüber in der Eckkneipe so los ist. Dabei ist es gerade heute so spannend …

Ich habe trotzdem ne Menge geschafft: Ein Buch fertiggeschrieben, zwei Buchprojekte weit vorangetrieben und ja nicht zu vergessen, nebenbei die kulinarische Stadtführung auf die Beine gestellt. Und gefühlt noch tausend andere Dinge gemacht. Für Freizeit war da nicht ganz so viel Raum … darum bin ich auch ziemlich müde und ziemlich oft ziemlich überdreht. Aber dann entstehen wenigstens lustige Geschichten.

Jetzt aber mal Schluss mit lustig und ran an die Buletten! – Schicht im Schacht!
Eigentlich will ich hier ja meine Leseausbeute des letzten Monats inklusive meines persönlichen Senfes präsentieren. So, da isse:

viele Bücher wenig Zeit

Kira Gembri: Wenn du dich traust
Ab und zu muss es mal ein Jugendbuch sein, dachte ich mir und erwartete eine nette Liebesgeschichte. Was mich aber dann tatsächlich empfing, war ein rasanter Roman, der zwar eine Prise Liebe enthält, aber auch alle möglichen anderen Brennpunktthemen anpackt, psychische Erkrankung, Drogen, Kriminalität, schwierige Elternhäuser … und das alles so leichtfüßig und spannend, dass ich das Buch in einem Rutsch durchgelesen habe. Chapeau!

Chad Harbach: Die Kunst des Feldspiels.
Komplexer amerikanischer Roman, gar nicht mal so laut, aber sehr verzweigt und mit brisantem Inhalt. Für meinen Geschmack war es ein bisschen zu viel Baseball … ;-) Dennoch feinster Lesegenuss!

Alan Bennett: Die Lady im Lieferwagen.
Eine längere und drei kürzere Stories von Alan Bennett in seinem unverwechselbar-trockenen Stil. Köstlich, großartig und dann machen die Textedoch wieder sehr betroffen. Obwohl sie schroff daherkommen, sind sie feinfühlig und -sinnig im Inneren. Der Spaß war viel zu schnell wieder vorbei!

Tecia Werbowski: Etwas fehlt. ET14. September 2015

Harper Lee: Wer die Nachtigall stört …
Warum habe ich 35 Jahre gewartet – na gut, 29 Jahre (vorher konnte ich ja nicht lesen) – bis ich dieses Buch gelesen habe?! Ich `kannte´ es natürlich vorher schon und wusste, dass Harper Lees erstes und letztes Buch – was es ja mittlerweile eigentlich gar nicht mehr ist – in den USA zur Schullektüre und auch sonst sehr beliebt ist.
Ich habe Nikolaus Stingls überarbeitete Übersetzung gelesen. Er hat den deutschen Text dem amerikanischen etwas näher gebracht, die wörtliche Rede an heute angepasst etc … Und ich bin sowas von hin und weg von dem Buch und kann es wirklich jedem ans Herz legen zur Lektüre. Ich werde es sicher nochmal lesen – und das geschieht bei mir tatsächlich nicht sooo oft.

Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter.
Herrje … was soll ich dazu nur sagen?! Ich tute in dasselbe Horn, wie die meisten: Was ist nur aus dem sympathischen Atticus geworden, den ich mir selbst als Vater wünsche? (Sorry, Papa!) Und und aber: Was für ein gutes und wichtiges Buch! Es ist handwerklich toll und historisch interessant. Ich fürchte, einiges hat sich seitdem nichts geändert …
Aber: Es entlässt einen niedergeschlagen und traurig im Gegensatz zu Harper Lees Klassiker. Erstling kann man ja nicht sagen, weil das hier ja eigentlich der Erstling ist …

Caleb Krisp: Little Miss Ivy. (ET 28.09.2015)

Katherine Heiny: Glücklich vielleicht.
Bis vor zwei Jahren wusste ich nicht, wie sehr ich Erzählungen und Kurzgeschichten mag. Aber sowas von! Dieses Buch hat mir das wieder einmal bewiesen. Kluge, lebensnahe und dabei gleichzeitig so (meines) lebensferne Geschichten. Manche nimmt man mit und kaut noch ein Weilchen darauf herum. Eindrücklich und unaufgeregt. Ich habe ein aktuelles Lieblingsbuch!

Butter bei die Fische!

Seit Wochen racker ich mir hier am Schreibtisch einen ab. Mache und tue, schreibe und telefoniere. Gurke in der Gegend rum und rede mit fremden Menschen, die mittlerweile gar nicht mehr so fremd sind …
… und alles ist so furchtbar geheim! Hiiiier habe ich das ja schon so wahnsinnig geheimnisvoll angedeutet.

Aber ab heute ist nicht mehr alles geheim, heute gibbet Butter bei die Fische!!! Zumindest ein bisschen. Ein paar Sachen bleiben noch ein bisschen länger geheim, bis sie gedruckt sind und stapelweise in den Läden liegen …

Aber zurück zur Butter!

Hiermit darf ich ganz hochoffiziell verkünden, dass ich ab demnächst Horden von wunderbaren Menschen regelmäßig durch meinen Geburts- und Lebensstadtteil von Essen scheuchen darf, und ihnen dabei mindestens einen Knopp, wenn nicht gar ein Kotelett an die Backe quasseln darf. Natürlich nicht wilde Geschichten, sondern jede Menge Geschichte und pralles Leben mitten aus dem Pott.
Zwischendrin gibt’s zur Stärkung noch ’ne Menge guter Sachen zu schnabulieren, und ein bisschen Zeit zum Ausruhen bei den toftesten Adressen.

Und das Ganze nennt sich …. *Trommelwirbel* … kulinarische Stadtführung!

Guckst du hier. Und hier noch der Beweis, dass tatsächlich ich es bin, die das macht. Gut, ne?

Ein bisschen Zeit habe ich noch, an meinen Texten zu feilen und tief einzuatmen, um genug Mut zu fassen, das wirklich zu tun.

Say yes to news adventures!

Gegenüber

Seit fast fünf Jahren sitze ich in der ersten Reihe und habe eine gute Sicht. Ich beobachte, wie Punkt 11 Uhr die abgeschrappten Plastikstühle auseinander gezogen und verteilt werden, und wie die Tischdecken aus Wachstuch – einige sind knallblau, andere gelb mit Rosenmotiv – auf den Klapptischen aufgefaltet werden. Oft helfen die ersten ungeduldigen Gäste schon beim Aufbau ihrer eigenen Kulissen. IMAG0849 Meist ist Gabi da. So hieß sie für mich seit dem ersten Moment. Ob sie in Wirklichkeit vielleicht Melanie oder Ulla heißt, werde ich nicht erfahren. Gabi ist ein Kind der 80-er. Noch immer trägt sie stolz ihre blondierte Fickpalme auf dem Kopf und kleidet ihren gewaltigen Busen in knallige T-Shirts mit Applikationen und Glitzersteinchen. Gern raucht Gabi zwischendurch eine Zigarette mit ihren Gästen und setzt sich auch mal dazu. IMAG0720 Zu mir hinauf dringen nur Gesprächsfetzen, aber die reichen aus, um die banalen Situationen, die das Leben gegenüber prägen, zu verstehen. Ich selbst bin unsichtbar hinter Fensterglas an meinem Schreibtisch und bleibe Zaungast. An schlechten Tagen stehe ich erst mit dem Gemurmel und dem Knobelbechergerummse von gegenüber auf, nachdem ich schon mit derselben Geräuschkulisse am Vorabend ins Reich der Träume hinübergeglitten bin. Beruhigendes Hintergrundgeplätscher. IMAG0471 Ich kenne sie alle: Die Knobelrunde, die sich jeden Dienstagvormittag trifft, und die in den letzten Monaten um zwei Männer dezimiert wurde. Den einen hat der „Krebbs“ dahingerafft, der andere hatte „wat am Herzen“. Die Abendknobler sind weniger regelmäßig. Die Runden ergeben sich meist spontan. Der dürre Gelockte mit dem Schnurrbart kommt fast jeden Tag mit seinem Volvo angefahren. Er kennt eigentlich jeden und setzt sich überall mal dazu. Meist sind es Männer im frischen Rentenalter, die ihre Zeit tagsüber gegenüber verbringen. Oft kommen sie allein und bleiben es auch. Manchmal knüpfen sich zarte Bande. IMAG0566 In den letzten Wochen war der Karierte mit dem unfassbar großen und dicken Hund fast täglich da. Jetzt habe ich ihn schon ein paar Tage nicht gesehen. Liegt es am Monatsende, das sich nähert? Dann wird es gegenüber nämlich immer leerer und abends geht das Licht oft schon aus, während ich noch am Schreibtisch sitze. Am Monatsanfang oder wenn einer Geburtstag hat, geht es auch unter der Woche gern mal bis 2 oder 3.

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Mit Ausnahme von Gabi und ihren beiden Kolleginnen kommen Frauen erst abends dazu, es sind selten dieselben. An den Tagen, an denen sich die kahlrasierten Fans des örtlichen Fußballvereins einfinden, kommen auch jüngere Frauen. Die schmachten und zwinkern und flirten und rutschen von einem Schoß zum nächsten. An solchen Abend gibt’s auch schonmal Ärger. So richtig. Dann wird mit dem Plastikmobilar geworfen. Kreischende Frauen versuchen erfolglos, die Heißsporne zu besänftigen. Das schafft Gabi am Ende oft, und wirft sie alle raus. Auch das kann sie gut. IMAG1022 Manchmal werde ich vom Zaungast zum Besucher gegenüber. Dann, wenn der Paketbote etwas für mich dort abgibt oder ich in Schlafanzughose schnell hinüberhusche, um eine Schachtel Kippen zu kaufen. Gabi erkennt mich wieder. Aber sie weiß nicht, dass ich sie tagtäglich beobachte. Denn ihr Blick hebt sich nie bis in den ersten Stock.

Vom Reisen und vom Lesen

Früher war ich nicht gern unterwegs und habe mich auch nur ungern außerhalb meiner persönliche Komfortzone bewegt. Ich wollte Kontrolle haben, und sicher sein, was mich erwartet. Unsicherheit im Äußeren hat mich unsicher im Inneren gemacht. Ist ja eigentlich logisch. Viel lieber habe ich es mir gemütlich gemacht und bin mit Büchern auf die Reise gegangen. Gern in fremde Länder, noch viel lieber habe ich mich dabei zu wilden Abenteuern hinreißen lassen – ich erinnere mich noch gut, dass ich mit etwa 10 Jahren eine ganz schlimme Karl May-Phase hatte …

IMAG0736Ich weiß gar nicht genau wann und warum es geschehen ist, aber irgendwann ist der Knoten geplatzt und plötzlich hatte ich Fernweh in meinem Herzen und Reiselust in den Füßen.
Vorweggenommen: So RICHTIG weit weg hat es mich (bisher) noch nicht getrieben, aber immerhin aus meiner Komfortzone heraus. Und seitdem bin ich jedes Jahr ein paar Mal unterwegs. Immer nur ein paar Tage und auch gern alleine.
Hier habe ich vor kurzem schon mal über meine Herzensreiseziele geschrieben. Dieses Jahr ist zwar nun schon mehr als zur Hälfte um, aber mein persönliches Reisejahr hat erst begonnen. In Wien und an der niederländischen Küste war ich schon – ganz zu schweigen von meinen Ausflügen auf diverse Potthalden und nach Aachen -, und das hier liegt noch vor mir:
Es wird mich für ein entspannendes und elektrizitätsfreies Yoga-Wochenende auf die Mecklenburgischen Seenplatte verschlagen.
Dann geht’s ein paar Tage lang ins belgische Oostende, wo ich mein Niederländisch weiter üben und auf den Spuren der Exilautoren Irmgarn Keun, Stefan Zweig, Joseph Roth und anderen wandeln will.
Kurz darauf fliege ich nach Stockholm, um unter anderem Junibakken zu besuchen, das schwedische Museum für Kinderliteratur. Die Dalagatan will ich natürlich auch entlangschlendern und ein bisschen nordisches Lebensgefühl einatmen.
Und last but not least werde ich in Istanbul zum ersten Mal asiatischen Boden betreten, mich treiben lassen und natürlich das tolle Essen genießen.

Ich habe Lust, für das nächste Jahr mal was Größeres in Angriff zu nehmen. Aber genaue Vorstellungen habe ich bisher nicht. Ein bisschen Zeit ist ja noch. Ich würde die Reise gern mit Yoga kombinieren. In letzter Zeit habe ich wieder gemerkt, wie gut mir das tut.

Offenen Wortes – mein Körper

Vor ein paar Tagen hat Fee von FeeistmeinName mit einem Post über ihre MS eine Blogparade ins Leben gerufen. „Mein Körper und ich“ nannte sie sie. Dazu fiel mir sofort ganz viel ein. Einiges davon habe ich noch nie öffentlich geäußert, und die meisten anderen Dinge nur im geschützten Raum.
Deshalb habe ich auch ein paar Tage gebraucht, um Mut zu sammeln und nun doch darüber zu schreiben. Weil ich es wichtig finde. Und weil sich ewig zu verstecken ja auch keine Lösung ist.

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Freunde waren wir noch nie. Schon als 5-Jährige fand ich dich blöd, weil Du nicht in das hübsche Dirndl passtest und stattdessen die Latzhose tragen musstest. Dabei warst Du nur zu lang. Für Sport warst Du schon damals nicht so wirklich geeignet. Immerhin Mittelmaß. Das haben wir in der Schule gemerkt.

Mit 12 fing es dann an, dass ich Dich gar nicht mehr mochte und Dich unbedingt anders wollte. Dafür habe ich viel ausprobiert und war brutal Dir gegenüber mit Entzug, Übermaß und Raub. Nie war ich zufrieden, kein kleiner Erfolg war von Dauer. Das einzige was blieb, war der Hass. Bis heute hadere ich mit Dir. Obwohl ich seit vielen Jahren daran arbeite. Mit Unterstützung.

Ich war noch nicht 20, als Symptome zutage traten, die erst 10 Jahre später als chronische Krankheit, das Lipolymphödem, diagnostiziert wurden. Deshalb gab ich mir Mühe, Dir gegenüber milder zu werden. Dich zu pflegen. Aber ich habe es nicht geschafft. Immer wieder triezte ich Dich und machte Dir klar, dass Du so, wie Du bist, nicht richtig bist. Und im Grunde machte die Krankheit das noch schlimmer, weil Du noch weniger so funktionierst wie ich es wollte.

In den letzten Jahren sind einige (Operations-)Narben hinzugekommen, eine langwierige Verletzung und Nebenwirkungen von Medikamenten. Das alles macht mich mit Dir nicht zufriedener.

Wenn ich aber jetzt Bilder von Dir sehe, die vor ein paar Jahren entstanden, finde ich Dich gar nichtmal so schlecht. Manchmal sogar ziemlich gut. Damals habe ich Dich gehasst und gegen Dich gekämpft. Wenn ich 50 bin, werde ich vielleicht Bilder von heute betrachten und Dich mögen.

Ich weiß, ich muss unbedingt auf Dich aufpassen, denn schließlich möchte ich mit Dir noch mindestens 60 Jahre verbringen – und zwar aktiv. Das geht aber nur, wenn ich gut zu Dir bin. Ich strenge mich an und gebe mir Mühe. Aber es wird weiterhin auch schlechte Tage geben, an denen ich weiter gegen Dich kämpfe.

Ich wünsche mir, dass Du mir das verzeihen kannst. Ich selber bringe es nicht fertig.