Sarah Meyer-Dietrich: Ruhrpottkind

Als ich das Buch „Ruhrpottkind“ von Sarah Meyer-Dietrich in der kleinen Buchhandlung liegen sah, zog es mich gleich magisch an.

Zum einen bin ich ja selbst ein Ruhrpottkind und zum anderen weckte der Verlag Henselowsky Boschmann gleich Erinnerungen an meine Ausbildungszeit im Buchhandel (bald unfassbare zwanzig Jahre her!). Damals gab es regelmäßig Lesungen mit Autoren des Verlags in meinem Ausbildungsbetrieb. Und natürlich musste ich auch an die Autorin Inge Meyer-Dietrich denken, die Mutter von Sarah Meyer-Dietrich. Über eines ihrer Bücher habe ich damals meine Zwischenprüfung im Studium geschrieben …

IMG_0149

Aber hier geht es nun um das „Ruhrpottkind“ von Sarah Meyer-Dietrich. Schon der erste kleine Absatz nahm mich gefangen: „Ich hab eigentlich gedacht, dass mein Vater Horst heißt. Weil Oma der Vollhorst sagt, wenn sie über ihn redet. Hoffentlich kommen die Mädchen nicht nach dem Vollhorst, sagt sie. Oder: Sei froh, dass du den Vollhorst los bist, Geli.“

Und damit ist schon alles klar, oder? Jennifer und ihre Schwester Jana leben mit ihrer alleinerziehenden Mutter Geli und der Oma zusamme mitten im Ruhrpott. Jennifer ist (wie die Autorin und auch ich) 1980 geboren. Das Geld ist immer knapp, Geli ist meistens unglücklich und raucht eine Stuyvesant nach der anderen. Am liebsten mit ihrer besten Freundin Vera. Die hat sogar ein Auto.
Jennifer mag Wortspiele und die Micky Maus. Jana liebt Alf und beide hören gern Kassetten mit ihrem 80er-typischen Kinderkassettenrekorder. Die Mutter Geli kocht am besten Ravioli und Fischstäbchen und zu trinken gibt es Kindercola – manchmal sogar richtige …
Unglaublich lebendig und plastisch hat mich Sarah Meyer-Dietrich in die Ära meiner Kindheit entführt. Eine kleine Zeitreise. Das Geschwisterpaar Jennifer und Jana erinnert mich sehr an zwei Mädchen, die damals in unserer Nachbarschaft unter ähnlichen Bedingungen lebten. Meine eigene Kindheit war dann doch ein bisschen anders.

Das Buch ist für alle, die in den 80ern im Ruhrpott großgeworden sind, ein Muss! Und auch allen anderen, die sich für die Zeit interessieren, kann ich es ans Herz legen. Meines hat es berührt.

Werbeanzeigen

Neues aus dem Bücherregal

„KUUUUCKAAA!!“, brüllt das Kleinkind und haut mir mit voller Wucht ein Taschenbuch auf den Kopf. Ich liege mit geschlossenen Augen auf dem Sofa und hoffte eigentlich unsichtbar zu sein. Das hat nicht geklappt. Beim Kind funktioniert das doch auch immer?!
Ich schaue mir das Buch an, das neben meinem Kopf liegt. `Umsonst geht nur die Sonne auf. Eine Erzählung über Kinderarbeit vor hundert Jahren.´ Was will mir das Kind damit sagen? Muss ich ab sofort die Spülmaschine wieder allein ausräumen?

IMG_0970
Wir einigen uns darauf, doch lieber ein Bilderbuch zu anzuschauen. „Hoch oben am Himmel steht der Mond“, erzähle ich und werde jäh unterbrochen von einer Faust, die vehement auf die Seite einschlägt. „BALL! BALL! BALL!“ – „Aber das ist doch der Mo…“, setze ich zaghaft an. – „BALL! BALL! BALL!“, werde ich übertönt. „Gut, hoch oben am Himmel steht der Ball und leuchtet hell“, lese ich. Ein zufriedenes Zahnlückenlächeln ist mein Lohn, bevor meine Finger schmerzhaft zwischen den Pappseiten des Buches eingequetscht werden.