Nachgereicht

In den letzten Monaten tauchten in meinen Leserückblicken immer mal wieder nur Titel auf mit Erscheinungsterminen. Das waren Bücher, die ich quasi in buchhändlerischer Mission vorab gelesen hatte, und zu denen ich meinen Senf deshalb noch nicht geben durfte. Inzwischen ist aber ein ganze Berg dieser Schätze erschienen und deshalb reiche ich Euch heute meine vollkommen subjektive Meinung nach. Los geht’s!

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Ich denke an Dich, Du bester Begleiter in durchschriebenen Nächten.

Isabel Bogdan: Der Pfau. Kiepenheuer&Witsch (ET: 18.2.2016)

Es lässt sich kurzweilig und amüsant an: Auf einem alten schottischen Herrschaftssitz finden sich an einem Wochenende die Mitarbeiter der Investmentabteilung einer Privatbank nebst Psychologin und Köchin zu einem Teambuilding-Wochenende ein. Außerdem anwesend sind Lord und Lady, ein polnischer Gärtner und eine Hausangestellte und einige Tiere, unter anderem ein halbwüchsiger Pfau, der aus unerklärlichen Gründen aggressiv auf die Farbe blau reagiert, so auch auf das Auto der Chefin der Banker. Der Schaden bleibt unbemerkt und der Lord erschießt den Pfau heimlich im Wald, um weiteren Schaden zu vermeiden. Die Banker ihrerseits sind kurz darauf im Wald unterwegs und der Hund der Banker-Chefin schleppt den toten Pfau an. Sie glauben natürlich, der Hund habe den Pfau gerissen … So beginnt ein witziges Verwirrspiel um den toten Pfau. Die Banker wollen ihn verschwinden lassen – einer von ihnen soll ihn verbuddeln, stattdessen stiftet er die Köchin dazu an, ihn auszunehmen, zu rupfen und als Fasan auf die Speisekarte zu setzen. Der Lord hingegen will die Missetat des Pfaus am Auto der Chefin vertuschen … etc. pp. eingeschneit werden sie auch noch, erotische Spannungen kommen auf … Gegen Ende des Buches hätte ich an so mancher Stelle gern den Rotstift zur Hand genommen und ordentlich gestrafft. Das hätte dem Buch sicher gut getan. Aber auch so ein wirklich lesenswerter Schmöker für einen gemütlichen Winternachmittag!

 

Pierre Jarawan: Am Ende bleiben die Zedern. Berlin Verlag (ET: 1. März 2016)

„Flüchtlingsbuch“ ist ein bisschen kurzgefasst. Es ist eine Familiengeschichte und die Geschichte des Libanon.
Samir wird als Kind libanesischer Flüchtlinge in einer nicht näher benannten Stadt Anfang der 80-er Jahre in Deutschland geboren. Sein Vater ist vor allem Geschichtenerzähler, der sich selbst Deutsch beigebracht und sich schnell integriert hat. Als Samir 8 Jahre alt ist, verschwindet der Vater ohne ein Wort. Darunter leidet der Einzelgänger Samir jahrelang. Seine deutlich jüngere Schwester bekommt davon nicht viel mit. 8 Jahre nach dem Verschwinden des Vaters stirbt die Mutter an einem Aneurysma. Samir gibt sich die Schuld. Seine Schwester landet in einer Pflegefamilie, Samir bei Freunden seiner Eltern. Samir wird regelrecht besessen vom Libanon und vom Verschwinden seines Vaters. Er vermutet, der Vater ist dorthin zurückgekehrt. Samir sammelt alles, was er über den Libanon nur finden kann, setzt dafür Liebesbeziehungen und Freundschaften aufs Spiel und verliert seine Ausbildungsstelle. Als er seiner Jugendliebe einen Heiratsantrag macht, weist sie ihn zurück – zuerst soll er auf einer Reise in den Libanon seine Vater-Besessenheit heilen. Im Libanon hat Samir interessante Begegnungen, aber erst, als er eigentlich schon abreisen will, trifft er wirklich bedeutsame Menschen und er kommt tatsächlich seinem Vater auf die Spur …
Sprachlich herausragend! – Mal spielerisch, mal angemessen knapp, mal bildhaft … Ein tolles Buch!

 

Donatella Di Pietrantonio: Bella mia. Kunstmann. (ET 17.2.2016)

Ein dramatischer und gleichzeitig so ruhiger Roman. Eine Bestandsaufnahme. Erzählerin Caterina lebte bis vor wenigen Jahren mit ihrer Mutter, ihrer Zwillingsschwester Olivia und deren halbwüchsigem Sohn Marco in der kleinen Stadt L’Aquila in den Abbruzzen, dann kam das große Erdbeben, das einen Großteil von L’Aquila zerstörte. Jetzt leben drei von ihnen traumatisiert in einem rasch hochgezogenen Hochhaus. Olivia ist bei dem Erdbeben gestorben. Und die anderen müssen damit nun leben und in ihr Leben zurückfinden. Das Unglück liegt schon ein paar Jahre zurück, dennoch ist die Lücke in der Familie stark spürbar. Offen thematisiert wird Olivias Fehlen selten. Dennoch ist es omnipräsent. Die Mutter geht jeden Tag auf den Friedhof, der Sohn randaliert, rebelliert, bricht aus – und Caterina fühlt sich schuldig. Caterina und Marco kehren verbotenerweise und unabhängig voneinander regelmäßig zurück in die zerstörte Stadt, um Olivia nahe zu sein, und sie nicht zu vergessen. Beide träumen vom Wiederaufbau der Stadt und von der Rückkehr dorthin.  Als Leser begleitet man die verwaiste Familie ein Stück weit auf ihrem Weg, das Leben wieder zu greifen.
Ein Buch für alle, die traurige und unaufgeregte Familiengeschichten mögen und sprachlich gut gemachte Bücher schätzen.

 

Stefan Moster: Neringa. Oder die andere Art der Heimkehr. Mare ET: 9. Februar 2016

Ich war am Anfang etwas skeptisch, weil mich weder Cover, noch Thema oder Klappentext angesprochen haben. Aber eine Freundin hatte es mir ans Herz gelegt und so begann ich, zu lesen. Und keine 12 Stunden später hatte ich das Buch durchgelesen, obwohl ich an dem Tag wirklich recht viel unterwegs war.
Sehr eingängiger, unaufgeregter Schreibstil, der mir den Protagonisten ohne größere Hindernisse ans Herz legte. Der knapp 50-jährige Deutsche lebt in London und arbeitet bei einem IT-Unternehmen, ohne Programmierer oder Vertriebler zu sein. Er hatte vor ein paar Jahren eine gute Idee für ein Konzept und unterstützt nun vor allem das englische Unternehmen in der Kommunikation mit deutschen Ämtern. Er arbeitet viel, hat im Grunde kein Privatleben und zweifelt an seinem Lebensentwurf. Durch einen Zufall wird er mit einer Kindheitserinnerung konfrontiert und macht sich auf die Suche nach dem Leben seines Großvaters. Er recherchiert, gleicht Nachgefragtes mit eigenen Erinnerungen ab, reist, macht sich eigene Vorstellungen davon, was passiert sein kann … Plötzlich wird er mit seiner Putzfrau, einer jungen Litauerin, konfrontiert. Eine knapp 30-jährige Frau, die er in diesem Job so gar nicht sieht. Er findet sie spannend, folgt ihr, bekommt Einblick in ihr Leben und verliebt sich. Beide beginnen eine Liebschaft – sehr unkitschig und sehr gleichberechtigt. Die Geschichte des Großvaters tritt etwas in den Hintergrund, wegen des „neuen“ Lebens, aber gerät nicht gänzlich in Vergessenheit. Das, was er gesucht hatte in der Geschichte seines Großvaters, findet er nun in der Liebe zu Neringa: eine andere Art der Heimkehr. Kein aufregender Roman, keiner, in dem viel geschieht und dennoch fesselnd. Der Schreibstil erinnert an die großen amerikanischen Erzähler, wie Paul Auster oder Jonathan Franzen. Ich bin sehr angetan!

 

Paul Henderson// Letzter Bus nach Coffeeville (ET 23. März 2016))

Letzter Bus nach Coffeevilleist ein sehr süffiges und auch lustiges Roadtrip-Buch trotz des traurigen Themas Alzheimer. Obwohl die Erkrankung von Nancy Ursache für den Roadtrip durch die amerikanischen Südstaaten ist, steht sie gar nicht so im Mittelpunkt. Es geht eigentlich mehr um die Lebensgeschichten und Lebenszusammenhänge der Mitreisenden. Aus so manche Schleife hätte ich verzichten können und auch so manche „lustige“ Episode hätte man streichen können – beispielsweise die Begegnung Bobs mit Che Guevara und Fidel Castro. So richtig lustig fand ich die nicht. Gut gemacht, spannend und sehr fein authentisch hingegen in die Geschichte eingeflochten ist die Rassenproblematik der amerikanischen Südstaaten. Da nimmt der Leser ohne sich belehrt zu werden noch ordentlich was mit. Auch traurig ist das Buch, Alzheimer wird realistisch dargestellt und nicht beschönigt. Dennoch reiht sich dieses Buch ein ihn die erfolgreichen und gut verkäuflichen Sick-Lit-Titel mit Senioren: Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry, Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand, Ein Mann namens Ove etc. pp. Ihr wisst, was ich meine.

 

Lydie Salvayre: Weine nicht. Blessing Verlag (ET 2/2016)

Ein hochgelobtes Buch, das in Frankreich mehrfach ausgezeichnet wurde, mit einem wunderschönen Cover. Und dennoch sind wir beide nicht zusammengekommen. Nach ungefähr einem Drittel habe ich aufgehört. Und das liegt nicht an der komplexen Thematik des spanischen Bürgerkriegs. Da habe ich einiges an Neuem erfahren, das ich wirklich interessant und spannend finde. Nein, gerade das, was in Frankreich so hoch gelobt wurde – die Verbindung der spanischen mit der französischen Sprache – empfinde ich persönlich für die deutsche Übersetzung sehr schwierig. Den Roman hat die Autorin autobiografisch geschrieben. Vorlage für die Protagonistin ist ihre Mutter – geboren in Spanien und später übersiedelt nach Frankreich -, die ihr Leben lang kein reines Französisch sprach, sondern eine Mischversion, in der sie beide Sprachen miteinander kombinierte. Meiner Meinung nach funktioniert das in der deutschen Übersetzung einfach nicht. Die spanischen Einsprengsel irritieren mehr, als dass sie der Geschichte helfen. Mit meinem uralten Schulspanisch versteh ich manchmal die Hälfte, muss dann aber doch blättern, bis zur Übersetzung ganz nach hinten. Das strengt an. Genau wie die nicht gekennzeichnete wörtliche Rede, die zusätzlich noch oft ohne Satzzeichen auskommt. Die Kombination macht das Buch wirklich sehr sperrig und wenig Lust aufs Lesen. Ein paar Tage lang dachte ich noch, „Ich les gleich/bald weiter.“ Aber inzwischen habe ich festgestellt, dass es dazu nicht kommen wird. Denn so sehr hat mich die Geschichte von Montse dann doch nicht gefesselt. Manchmal muss man so ehrlich sein!

Gelesen im März 2016

Was für ein schön-abwechslungsreicher Lesemonat! Offenbar pendle ich mich im Moment auf fünf Bücher im Monat ein. Dabei gibt es so viele Schöne und Verführerische mehr … Aber man kann ja schließlich nicht alles schaffen. Und das Leben drumrum erfordert ja auch noch ein bisschen Aufmerksamkeit. Und schreiben will ich eigentlich auch viel mehr …

Aber genug gejammert. Hier meine Leseeindrücke vom März 2016:

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Tobi Katze: Morgen ist leider auch noch ein Tag

Gemopst vom Bücherstapel des Liebsten. Eigentlich wollte ich „was Nettes für zwischendurch“ – was sich komisch anhört bei einem Buch über Depression, ne?! Aber Tobi Katze ist ja bekanntermaßen einer, der was mit Humor und Literatur macht. Tatsächlich hat er in seinem Debüt seine eigene Depression verwurstet, wie auch schon in dem Blog, den er für den Stern geschrieben hat. Ich hab mich ehrlich gesagt mit dem Buch etwas schwer getan. Das lang vermutlich mehr an mir als dem Buch. Ich kam nicht so recht rein, war ungeduldig … Aber ich habe es zu Ende gelesen.

 

Miranda July: Zehn Wahrheiten

Als bekennender Fan von Erzählungen und (Kurz-)Geschichten war dieses Buch aus meinem Lieblingsverlag eine echte Entdeckung für mich! Sechzehn Stories unterschiedlichster Art, skurril,. verwirrend und inspirierend (obwohl dieses Wort ja seit einiger Zeit als Unwort gilt, muss ich es benutzen, weil es so wahr ist!), berührend und absolut toll. Da seht Ihr mich mal sprachlos. Das geschieht ja bekanntlich nicht allzu oft. Ich spreche eine absolute Leseempfehlung aus und bin neidisch (im besten Sinne) auf diese großartige Autorin, die so viel mehr kann als nur schreiben!

 

Ursula Poznanski: Fünf

Manchmal muss es einfach ein Thriller sein – und dann am besten einer von der köstlichsten, ähm spannendsten Sorte! Ein blutrünstiger „Road-Thriller“, der mit Geocaching spielt. Absolut unberechenbar! Ja, da tun sich meine Abgründe auf. Jahrelang habe ich immer einen großen Bogen um Krimis gemacht und bei Filmen an den aufregenden Stellen den Raum verlassen. Letzteres ist immer noch so, aber bei Büchern hat sich meine Einstellung irgendwie geändert. Hach ja, das darf doch mal passieren, oder?! Im eigenen Kopf passiert ja auch meist nur so viel, wie man selbst aushalten kann.

 

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

Ein groß gehyptes Buch von Erfolgsautor Benedict Wells. Ich war sehr gespannt, und muss sagen, ich bin nicht ganz sooo begeistert wie viele andere. Es ist ein gutes Buch! Keine Frage. Sprachlich wie immer wunderbar mit einer guten Geschichte, die viel Lebensklugheit enthält. Da waren also meine Erwartungen zu hoch … Für mich kam der richtige Sog ins Buch erst nachdem ich ungefähr 2/3 gelesen hatte. An der Stelle, an der der Protagonist Jules endlich nach vielen, vielen Jahren eine Beziehung mit seiner großen Liebe Alva eingehen kann. Da weiß man irgendwie, es kann nicht gut gehen. Und die Geschichte, die zuvor eher vor sich hin trieb, nimmt Fahrt auf.
Drangeblieben bin ich vor allem, weil ich das Buch nur geliehen hatte und es innerhalb von 5 Tagen zurückgeben musste, ehrlich gesagt. Sonst hätte ich wahrscheinlich viel länger daran herumgelesen …

 

Hanns-Josef Ortheil: Der Stift und das Papier

„Roman einer Passion“ lautet der Untertitel dieses (mal wieder) sehr autobiografischen Buches des wunderbaren Hanns-Josef Ortheil, und genau das trifft es. Ortheil schreibt über seine Passion, seine Leidenschaft, seine Bestimmung – das Schreiben und wie alles begann. Ortheil-Fans kennen bestimmt schon andere autobiografische Bücher von ihm und wissen so einiges schon: dass der Autor in seiner Kindheit mehrere Jahre nicht sprach, Schwierigkeiten in der Schule hatte und Jahre später einen schreibenden Kurzurlaub mit seinem Vater an die Mosel unternahm. All diese Erlebnisse flossen auch hier mit ein.
Von der ersten Seite an begeistert die besondere Sprache Ortheils. Einfühlsam ohne viel Schnickschnack und dennoch nicht schlicht zu nennen. Diese Sprache hat mich damals, vor gefühlten hundert Jahren während meiner Buchhändlerausbildung schon bei der Lektüre von „Die große Liebe“ so unwahrscheinlich in den Bann gezogen. Hanns-Josef Ortheil ist und bleibt einfach einer der großartigsten deutschen Autoren! Was würde ich darum geben, an der Uni in Hildesheim von ihm zu lernen …

 

P.S. Abgesehen von den Leserückblicken ist es in den Monaten sehr ruhig geworden im Blog. Das liegt am echten Leben und dem, was darin im Moment passiert. Nicht alles ist schön. Vor einer Woche musste ich mich nach fast 12 Jahren leider schmerzvoll von Arschkrampe Jerry verabschieden. Viel zu früh. Und die Lücke, die er hinterlässt, ist unglaublich groß.