Gelesen: Ada Dorian, Betrunkene Bäume

 

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Ada Dorian: Betrunkene Bäume, Ullstein Fünf

„Betrunkene Bäume“ ist eine große Entdeckung für mich! Es ist sprachlich ganz fantastisch und auch wunderbar komponiert mit verschiedenen Perspektiven und Rückblicken, die ganz harmonisch miteinander funktionieren und ineinandergreifen, auch wenn manchmal die Bögen recht weit geschlagen sind. Ich fühle mich insgesamt erinnert an Robert Seethaler: Ein ganzes Leben – mal so zur Einordnung. Ein leicht trauriges, melancholisches Buch, das von Momenten lebt.

Protagonist ist der einsam lebende alte Mann Erich, der sich an Erinnerungen klammert, erfüllt ist von Schuldgefühlen und der Sehnsucht nach seiner großen Liebe Dascha. Erich lebt faktisch in Deutschland, aber innerlich ganz im sibirischen Wald. Dort erlebte er als junger Mann Monate, die sein Leben noch jetzt bestimmen: Forschung an Bäumen, die in sein heutiges Leben reicht, durch Kontakt zu Wissenschaftlern vor Ort und an deutschen Unis und die Begegnung mit seiner großen Liebe Dascha.
Diese lebte allein in einer ärmlichen Hütte und hatte ein Kind von Erichs einzelgängerischem Führer durch die Wälder, Wolodny, der sich aber nicht kümmerte. Erich holte die Frau und das Kind nach Deutschland. In hohem Alter kehrte Dascha nach Sibirien zurück. Erich wollte mitkommen, schaffte es aber nicht vor lauter Schuldgefühlen Wolodny gegenüber. Er lebt nun allein in einem heruntergekommenen Haus. Nachbarin ist Katharina, ein junges Mädchen, das von Zuhause abgehauen ist und illegal dort lebt. Erich engagiert sie als eine Art Haushälterin, nachdem er die Pflegerin, die seine angenommene Tochter engagiert hatte, einfach rauswirft.
Er kann nicht anders handeln, denn Erich hat ein Geheimnis: In seinem Schlafzimmer wachsen Bäume. Echte Bäume. Als das Geheimnis rauskommt, soll Erich ins Heim. Er sieht nur einen Ausweg. Dabei spielt Katharina eine tragende Rolle …

Ein wunderbares Buch. Unaufgeregt, kenntnisreich und berührend bis zu letzten Seite!

 

Gelesen im April 2016

Jetzt beginnt wieder die Saison des Vorablesens. Das bedeutet, dass ich Bücher bereits lesen darf, (lange) bevor sie auf den Markt kommen. Das heißt dann aber auch, dass ich natürlich noch nicht darüber sprechen und schreiben kann. Für Euch vielleicht etwas frustrierend, aber in wenigen Monaten reiche ich meine persönliche Leseeinschätzung zu den Schätzchen natürlich nach.

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Und nun die Liste der Bücher, die es im April nun in meine Hände geschafft haben:

Antonia Hayes: Die relative Unberechenbarkeit des Glücks. Blanvalet (ET: 15.8.2016)

 

Jakob Hinrichs: Hans Fallada, der Trinker. Eine Graphic Novel. Büchergilde Gutenberg/Metrolit

Was für ein beeindruckendes Buch! Der Illustrator Jakob Hinrichs hat Auszüge aus Falladas Biografie und der Entstehungsgeschichte des Trinkers mit dem Romans selbst verknüpft und dazu eine düster-bedrückende und gleichzeitig wunderschöne Welt illustriert. Allein die Bilder sind schon ein wahrer Augenschmaus und man kann erahnen, wie lang der Illustrator an Komposition und Umsetzung gesessen haben muss. Das Buch ist wirklich ein Augenschmaus trotz des sehr bedrückenden Themas und des unglücklichen Lebens Falladas. Ich spreche eine große Empfehlung aus! Das Buch kann man sich gut selbst schenken oder sich wünschen … zum Beispiel.

 

Ferdinand von Schirach: Tabu. Piper

Krimi? Nicht Krimi? So genau weiß man das auf den ersten 100/150 Seiten nicht und auch danach bleibt der Roman voller Überraschungen. Ich finde von Schirachs schnökellosen, unaufgeregten und doch gleichzeitig so besonderen Stil einfach nur toll. Aber er polarisiert. Man muss das mögen. Fans von schnellen, spannenden und blutrünstigen Krimis kommen hier nicht auf ihre Kosten. Psychologisch interessierte Leser, die die Geschichten hinter den Fällen sehen wollen, sind hier genau richtig. Auch in diesem Buch trifft der Leser auf einen auktorialen Erzähler. Dieser berichtet von der ungewöhnliche Kindheit von Sebastian, der vieles erlebt, was man nicht als gewöhnlich bezeichnen kann. Prägend für sein ganzes Leben und tragisch ist der Moment, in dem der Junge den Selbstmord seines Vaters entdeckt. Er verschließt dieses Erlebnis in sich und trägt es mit sich. Als wegweisendes Erlebnis, so kommt es dem Leser vor. Als Fotograf/Fotokünstler wird Sebastian berühmt, führt ein rasantes und ausschweifendes Leben, lässt aber niemanden so recht an sich heran.

Und dann wird ihm plötzlich vorgeworfen, einen Mord begangen zu haben. Die Indizienlage scheint eindeutig. Und auch hier löst Schirach die Situation mit den für ihn so typischen analytischen Handgriffen. Puuuh, war das toll. Ich bin sehr begeistert!

 

Kit de Waal: Mein Name ist Leon. Rowohlt.

Was für ein bedrückender und den Hals zuschnürender Roman! Der Schwägerin des großartigen Autors und Keramikkünstlers Edmund de Waal (Der Hase mit den Bernsteinaugen) ist es auf beeindruckende Weise gelungen, sich in die Gefühlswelt des kleinen, vernachlässigten Jungen Leon hineinzuversetzen. Leon wächst in den frühen 70er-Jahren als Mischlingskind auf. Seine Mutter gerät nach der Geburt seines kleinen Bruders Jake vollkommen aus dem Tritt. Der Neunjährige versucht, die Fassade der heilen unheilen Familie aufrecht zu erhalten und muss natürlich schmerzhaft scheitern. Die Mutter wird eingewiesen, die Jungen kommen zunächst gemeinsam zu einer Pflegemutter. Kurz darauf wird der weiße Jake adoptiert, während Leon verwirrt, verletzt und einsam bei der ältlichen Pflegemutter zurückbleibt. Er schlägt sich durch, gibt sein Bestes und versucht sich selbst die Welt zu erklären. Sehr schmerzhaft zu lesen, fand ich. Wenn „herzzerreißend“ nicht so ein blöd-ironisches Wort wäre, wäre es das richtige an dieser Stelle.

 

Patti Smith: M Train.

Hach, hach, hach! Das war ein echter Lesegenuss! Auf fast jeder Seite der Erinnerungen/Erinnerungsfragmente von Patti Smith habe ich Sätze festhalten, einsaugen und in mein Gehirn prägen wollen. Impulsgesteuert scheint Patti Momentaufnahmen aus ihrem Leben seit den 80er Jahren zu erzählen. Lose miteinander verbunden durch ihre Leidenschaft zu Kaffee, Cafés, dem Reisen, Menschen, der Literatur und nicht zuletzt der Fotografie.

Besonders eingeprägt hat sich mir eine Passage, den sie über Camus‘ Der erste Mensch schreibt: „faszinierte mich […] vielleicht mehr die Sprache als der Inhalt. Aber wie dem auch sei, ich konnte mich an nicht eine Einzelheit erinnern. Ich nahm mir zwar vor, beim Lesen präsent zu bleiben, musste aber schon den zweiten Satz des ersten Absatzes zweimal lesen – eine lange Kette von Wörtern, die wie auf dem Schweif träger Wolken ostwärts zogen. Ich wurde schläfrig – eine hypnotische Schläfrigkeit, gegen die selbst ein dampfender schwarzer Kaffee nichts ausrichten konnte.“ Ziemlich genau so ging es mir mit M Train: Ich bin beim Lesen immer wieder in eine Parallelwelt abgedriftet und habe in genau der besonderen, irgendwie lyrischen und doch so unaufgeregten Sprache weitergeträumt. Ich habe mich geärgert, weil ich nicht weiterkam und gleichzeitig habe ich diese besondere Stimmung so genossen … Ein ganz besonderes Buch! Auf meinem Stapel liegt noch Just Kids – das Vorgängerbuch – allerdings auf Englisch. Das muss ich bald beginnen zu lesen. Unbedingt!

 

Joachim Meyerhoff: Alle Toten fliegen hoch. Amerika

Ein klares Jungsbuch! Wer ein Buch vom Stapel des Liebsten mopst, muss wohl damit rechnen … Joachim Meyerhoff ist gefeierter Schauspieler am Burgtheater und erfolgreicher Autor, inzwischen ist sein drittes Buch bei Kiepenheuer und Witsch erschienen. Ich hatte schon mal einen Versuch mit diesem, seinem ersten Buch gestartet – und wieder abgebrochen. Ich glaube, auch das lag daran, dass es sich um ein echtes Jungsbuch handelt. Der autobiografische Roman Meyerhoffs setzt in dessen Jugend an, beschäftigt sich mit der Familienkonstellation (starke Mutter, schwacher, theorielastiger Vater), den Unsicherheiten des Protagonisten und irgendwie im Zentrum dessen Austauschjahr in den USA, das denkbar schlecht beginnt, eine dramatische Mitte hat und doch gut ausgeht. Schmerz und Humor liegen bei Meyerhoff oft nah beieinander und seine Schreibe ist echt und nah. Das hat mich dann doch gefesselt. So sehr, dass ich mich auch an seinen zweiten Roman gewagt habe:

 

Joachim Meyerhoff: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war.

Das ist doch gar kein Roman! Mein von Geschichten, Episoden und Erzählungen begeistertes Herz hopste ein bisschen, als ich feststellte, dass der zweite Meyerhoff eigentlich genau meinem Genre entspricht. „Alle Toten fliegen hoch Teil 2“ lautet der nicht wirklich korrekte Untertitel, denn dieses Buch beginnt bereits in der Kindheit des Autors, also eigentlich vor dem 1. Teil. Die letzte Geschichte endet aber immerhin deutlich nach dem Austausch-Jahr in den USA. Nur locker miteinander verbunden sind die einzelnen Episoden miteinander und jede für sich nicht besonders aufregend, aber auch wieder geprägt von Melancholie und Witz.

 

Jami Attenberg: Saint Mazie. Schöffling & Co. ET: Herbst 2016

 

Anne Berest: Emilienne oder die Suche nach der perfekten Frau. Knaus ET 12.9.2016

 

Nachgereicht

In den letzten Monaten tauchten in meinen Leserückblicken immer mal wieder nur Titel auf mit Erscheinungsterminen. Das waren Bücher, die ich quasi in buchhändlerischer Mission vorab gelesen hatte, und zu denen ich meinen Senf deshalb noch nicht geben durfte. Inzwischen ist aber ein ganze Berg dieser Schätze erschienen und deshalb reiche ich Euch heute meine vollkommen subjektive Meinung nach. Los geht’s!

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Ich denke an Dich, Du bester Begleiter in durchschriebenen Nächten.

Isabel Bogdan: Der Pfau. Kiepenheuer&Witsch (ET: 18.2.2016)

Es lässt sich kurzweilig und amüsant an: Auf einem alten schottischen Herrschaftssitz finden sich an einem Wochenende die Mitarbeiter der Investmentabteilung einer Privatbank nebst Psychologin und Köchin zu einem Teambuilding-Wochenende ein. Außerdem anwesend sind Lord und Lady, ein polnischer Gärtner und eine Hausangestellte und einige Tiere, unter anderem ein halbwüchsiger Pfau, der aus unerklärlichen Gründen aggressiv auf die Farbe blau reagiert, so auch auf das Auto der Chefin der Banker. Der Schaden bleibt unbemerkt und der Lord erschießt den Pfau heimlich im Wald, um weiteren Schaden zu vermeiden. Die Banker ihrerseits sind kurz darauf im Wald unterwegs und der Hund der Banker-Chefin schleppt den toten Pfau an. Sie glauben natürlich, der Hund habe den Pfau gerissen … So beginnt ein witziges Verwirrspiel um den toten Pfau. Die Banker wollen ihn verschwinden lassen – einer von ihnen soll ihn verbuddeln, stattdessen stiftet er die Köchin dazu an, ihn auszunehmen, zu rupfen und als Fasan auf die Speisekarte zu setzen. Der Lord hingegen will die Missetat des Pfaus am Auto der Chefin vertuschen … etc. pp. eingeschneit werden sie auch noch, erotische Spannungen kommen auf … Gegen Ende des Buches hätte ich an so mancher Stelle gern den Rotstift zur Hand genommen und ordentlich gestrafft. Das hätte dem Buch sicher gut getan. Aber auch so ein wirklich lesenswerter Schmöker für einen gemütlichen Winternachmittag!

 

Pierre Jarawan: Am Ende bleiben die Zedern. Berlin Verlag (ET: 1. März 2016)

„Flüchtlingsbuch“ ist ein bisschen kurzgefasst. Es ist eine Familiengeschichte und die Geschichte des Libanon.
Samir wird als Kind libanesischer Flüchtlinge in einer nicht näher benannten Stadt Anfang der 80-er Jahre in Deutschland geboren. Sein Vater ist vor allem Geschichtenerzähler, der sich selbst Deutsch beigebracht und sich schnell integriert hat. Als Samir 8 Jahre alt ist, verschwindet der Vater ohne ein Wort. Darunter leidet der Einzelgänger Samir jahrelang. Seine deutlich jüngere Schwester bekommt davon nicht viel mit. 8 Jahre nach dem Verschwinden des Vaters stirbt die Mutter an einem Aneurysma. Samir gibt sich die Schuld. Seine Schwester landet in einer Pflegefamilie, Samir bei Freunden seiner Eltern. Samir wird regelrecht besessen vom Libanon und vom Verschwinden seines Vaters. Er vermutet, der Vater ist dorthin zurückgekehrt. Samir sammelt alles, was er über den Libanon nur finden kann, setzt dafür Liebesbeziehungen und Freundschaften aufs Spiel und verliert seine Ausbildungsstelle. Als er seiner Jugendliebe einen Heiratsantrag macht, weist sie ihn zurück – zuerst soll er auf einer Reise in den Libanon seine Vater-Besessenheit heilen. Im Libanon hat Samir interessante Begegnungen, aber erst, als er eigentlich schon abreisen will, trifft er wirklich bedeutsame Menschen und er kommt tatsächlich seinem Vater auf die Spur …
Sprachlich herausragend! – Mal spielerisch, mal angemessen knapp, mal bildhaft … Ein tolles Buch!

 

Donatella Di Pietrantonio: Bella mia. Kunstmann. (ET 17.2.2016)

Ein dramatischer und gleichzeitig so ruhiger Roman. Eine Bestandsaufnahme. Erzählerin Caterina lebte bis vor wenigen Jahren mit ihrer Mutter, ihrer Zwillingsschwester Olivia und deren halbwüchsigem Sohn Marco in der kleinen Stadt L’Aquila in den Abbruzzen, dann kam das große Erdbeben, das einen Großteil von L’Aquila zerstörte. Jetzt leben drei von ihnen traumatisiert in einem rasch hochgezogenen Hochhaus. Olivia ist bei dem Erdbeben gestorben. Und die anderen müssen damit nun leben und in ihr Leben zurückfinden. Das Unglück liegt schon ein paar Jahre zurück, dennoch ist die Lücke in der Familie stark spürbar. Offen thematisiert wird Olivias Fehlen selten. Dennoch ist es omnipräsent. Die Mutter geht jeden Tag auf den Friedhof, der Sohn randaliert, rebelliert, bricht aus – und Caterina fühlt sich schuldig. Caterina und Marco kehren verbotenerweise und unabhängig voneinander regelmäßig zurück in die zerstörte Stadt, um Olivia nahe zu sein, und sie nicht zu vergessen. Beide träumen vom Wiederaufbau der Stadt und von der Rückkehr dorthin.  Als Leser begleitet man die verwaiste Familie ein Stück weit auf ihrem Weg, das Leben wieder zu greifen.
Ein Buch für alle, die traurige und unaufgeregte Familiengeschichten mögen und sprachlich gut gemachte Bücher schätzen.

 

Stefan Moster: Neringa. Oder die andere Art der Heimkehr. Mare ET: 9. Februar 2016

Ich war am Anfang etwas skeptisch, weil mich weder Cover, noch Thema oder Klappentext angesprochen haben. Aber eine Freundin hatte es mir ans Herz gelegt und so begann ich, zu lesen. Und keine 12 Stunden später hatte ich das Buch durchgelesen, obwohl ich an dem Tag wirklich recht viel unterwegs war.
Sehr eingängiger, unaufgeregter Schreibstil, der mir den Protagonisten ohne größere Hindernisse ans Herz legte. Der knapp 50-jährige Deutsche lebt in London und arbeitet bei einem IT-Unternehmen, ohne Programmierer oder Vertriebler zu sein. Er hatte vor ein paar Jahren eine gute Idee für ein Konzept und unterstützt nun vor allem das englische Unternehmen in der Kommunikation mit deutschen Ämtern. Er arbeitet viel, hat im Grunde kein Privatleben und zweifelt an seinem Lebensentwurf. Durch einen Zufall wird er mit einer Kindheitserinnerung konfrontiert und macht sich auf die Suche nach dem Leben seines Großvaters. Er recherchiert, gleicht Nachgefragtes mit eigenen Erinnerungen ab, reist, macht sich eigene Vorstellungen davon, was passiert sein kann … Plötzlich wird er mit seiner Putzfrau, einer jungen Litauerin, konfrontiert. Eine knapp 30-jährige Frau, die er in diesem Job so gar nicht sieht. Er findet sie spannend, folgt ihr, bekommt Einblick in ihr Leben und verliebt sich. Beide beginnen eine Liebschaft – sehr unkitschig und sehr gleichberechtigt. Die Geschichte des Großvaters tritt etwas in den Hintergrund, wegen des „neuen“ Lebens, aber gerät nicht gänzlich in Vergessenheit. Das, was er gesucht hatte in der Geschichte seines Großvaters, findet er nun in der Liebe zu Neringa: eine andere Art der Heimkehr. Kein aufregender Roman, keiner, in dem viel geschieht und dennoch fesselnd. Der Schreibstil erinnert an die großen amerikanischen Erzähler, wie Paul Auster oder Jonathan Franzen. Ich bin sehr angetan!

 

Paul Henderson// Letzter Bus nach Coffeeville (ET 23. März 2016))

Letzter Bus nach Coffeevilleist ein sehr süffiges und auch lustiges Roadtrip-Buch trotz des traurigen Themas Alzheimer. Obwohl die Erkrankung von Nancy Ursache für den Roadtrip durch die amerikanischen Südstaaten ist, steht sie gar nicht so im Mittelpunkt. Es geht eigentlich mehr um die Lebensgeschichten und Lebenszusammenhänge der Mitreisenden. Aus so manche Schleife hätte ich verzichten können und auch so manche „lustige“ Episode hätte man streichen können – beispielsweise die Begegnung Bobs mit Che Guevara und Fidel Castro. So richtig lustig fand ich die nicht. Gut gemacht, spannend und sehr fein authentisch hingegen in die Geschichte eingeflochten ist die Rassenproblematik der amerikanischen Südstaaten. Da nimmt der Leser ohne sich belehrt zu werden noch ordentlich was mit. Auch traurig ist das Buch, Alzheimer wird realistisch dargestellt und nicht beschönigt. Dennoch reiht sich dieses Buch ein ihn die erfolgreichen und gut verkäuflichen Sick-Lit-Titel mit Senioren: Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry, Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand, Ein Mann namens Ove etc. pp. Ihr wisst, was ich meine.

 

Lydie Salvayre: Weine nicht. Blessing Verlag (ET 2/2016)

Ein hochgelobtes Buch, das in Frankreich mehrfach ausgezeichnet wurde, mit einem wunderschönen Cover. Und dennoch sind wir beide nicht zusammengekommen. Nach ungefähr einem Drittel habe ich aufgehört. Und das liegt nicht an der komplexen Thematik des spanischen Bürgerkriegs. Da habe ich einiges an Neuem erfahren, das ich wirklich interessant und spannend finde. Nein, gerade das, was in Frankreich so hoch gelobt wurde – die Verbindung der spanischen mit der französischen Sprache – empfinde ich persönlich für die deutsche Übersetzung sehr schwierig. Den Roman hat die Autorin autobiografisch geschrieben. Vorlage für die Protagonistin ist ihre Mutter – geboren in Spanien und später übersiedelt nach Frankreich -, die ihr Leben lang kein reines Französisch sprach, sondern eine Mischversion, in der sie beide Sprachen miteinander kombinierte. Meiner Meinung nach funktioniert das in der deutschen Übersetzung einfach nicht. Die spanischen Einsprengsel irritieren mehr, als dass sie der Geschichte helfen. Mit meinem uralten Schulspanisch versteh ich manchmal die Hälfte, muss dann aber doch blättern, bis zur Übersetzung ganz nach hinten. Das strengt an. Genau wie die nicht gekennzeichnete wörtliche Rede, die zusätzlich noch oft ohne Satzzeichen auskommt. Die Kombination macht das Buch wirklich sehr sperrig und wenig Lust aufs Lesen. Ein paar Tage lang dachte ich noch, „Ich les gleich/bald weiter.“ Aber inzwischen habe ich festgestellt, dass es dazu nicht kommen wird. Denn so sehr hat mich die Geschichte von Montse dann doch nicht gefesselt. Manchmal muss man so ehrlich sein!

Gelesen im März 2016

Was für ein schön-abwechslungsreicher Lesemonat! Offenbar pendle ich mich im Moment auf fünf Bücher im Monat ein. Dabei gibt es so viele Schöne und Verführerische mehr … Aber man kann ja schließlich nicht alles schaffen. Und das Leben drumrum erfordert ja auch noch ein bisschen Aufmerksamkeit. Und schreiben will ich eigentlich auch viel mehr …

Aber genug gejammert. Hier meine Leseeindrücke vom März 2016:

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Tobi Katze: Morgen ist leider auch noch ein Tag

Gemopst vom Bücherstapel des Liebsten. Eigentlich wollte ich „was Nettes für zwischendurch“ – was sich komisch anhört bei einem Buch über Depression, ne?! Aber Tobi Katze ist ja bekanntermaßen einer, der was mit Humor und Literatur macht. Tatsächlich hat er in seinem Debüt seine eigene Depression verwurstet, wie auch schon in dem Blog, den er für den Stern geschrieben hat. Ich hab mich ehrlich gesagt mit dem Buch etwas schwer getan. Das lang vermutlich mehr an mir als dem Buch. Ich kam nicht so recht rein, war ungeduldig … Aber ich habe es zu Ende gelesen.

 

Miranda July: Zehn Wahrheiten

Als bekennender Fan von Erzählungen und (Kurz-)Geschichten war dieses Buch aus meinem Lieblingsverlag eine echte Entdeckung für mich! Sechzehn Stories unterschiedlichster Art, skurril,. verwirrend und inspirierend (obwohl dieses Wort ja seit einiger Zeit als Unwort gilt, muss ich es benutzen, weil es so wahr ist!), berührend und absolut toll. Da seht Ihr mich mal sprachlos. Das geschieht ja bekanntlich nicht allzu oft. Ich spreche eine absolute Leseempfehlung aus und bin neidisch (im besten Sinne) auf diese großartige Autorin, die so viel mehr kann als nur schreiben!

 

Ursula Poznanski: Fünf

Manchmal muss es einfach ein Thriller sein – und dann am besten einer von der köstlichsten, ähm spannendsten Sorte! Ein blutrünstiger „Road-Thriller“, der mit Geocaching spielt. Absolut unberechenbar! Ja, da tun sich meine Abgründe auf. Jahrelang habe ich immer einen großen Bogen um Krimis gemacht und bei Filmen an den aufregenden Stellen den Raum verlassen. Letzteres ist immer noch so, aber bei Büchern hat sich meine Einstellung irgendwie geändert. Hach ja, das darf doch mal passieren, oder?! Im eigenen Kopf passiert ja auch meist nur so viel, wie man selbst aushalten kann.

 

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

Ein groß gehyptes Buch von Erfolgsautor Benedict Wells. Ich war sehr gespannt, und muss sagen, ich bin nicht ganz sooo begeistert wie viele andere. Es ist ein gutes Buch! Keine Frage. Sprachlich wie immer wunderbar mit einer guten Geschichte, die viel Lebensklugheit enthält. Da waren also meine Erwartungen zu hoch … Für mich kam der richtige Sog ins Buch erst nachdem ich ungefähr 2/3 gelesen hatte. An der Stelle, an der der Protagonist Jules endlich nach vielen, vielen Jahren eine Beziehung mit seiner großen Liebe Alva eingehen kann. Da weiß man irgendwie, es kann nicht gut gehen. Und die Geschichte, die zuvor eher vor sich hin trieb, nimmt Fahrt auf.
Drangeblieben bin ich vor allem, weil ich das Buch nur geliehen hatte und es innerhalb von 5 Tagen zurückgeben musste, ehrlich gesagt. Sonst hätte ich wahrscheinlich viel länger daran herumgelesen …

 

Hanns-Josef Ortheil: Der Stift und das Papier

„Roman einer Passion“ lautet der Untertitel dieses (mal wieder) sehr autobiografischen Buches des wunderbaren Hanns-Josef Ortheil, und genau das trifft es. Ortheil schreibt über seine Passion, seine Leidenschaft, seine Bestimmung – das Schreiben und wie alles begann. Ortheil-Fans kennen bestimmt schon andere autobiografische Bücher von ihm und wissen so einiges schon: dass der Autor in seiner Kindheit mehrere Jahre nicht sprach, Schwierigkeiten in der Schule hatte und Jahre später einen schreibenden Kurzurlaub mit seinem Vater an die Mosel unternahm. All diese Erlebnisse flossen auch hier mit ein.
Von der ersten Seite an begeistert die besondere Sprache Ortheils. Einfühlsam ohne viel Schnickschnack und dennoch nicht schlicht zu nennen. Diese Sprache hat mich damals, vor gefühlten hundert Jahren während meiner Buchhändlerausbildung schon bei der Lektüre von „Die große Liebe“ so unwahrscheinlich in den Bann gezogen. Hanns-Josef Ortheil ist und bleibt einfach einer der großartigsten deutschen Autoren! Was würde ich darum geben, an der Uni in Hildesheim von ihm zu lernen …

 

P.S. Abgesehen von den Leserückblicken ist es in den Monaten sehr ruhig geworden im Blog. Das liegt am echten Leben und dem, was darin im Moment passiert. Nicht alles ist schön. Vor einer Woche musste ich mich nach fast 12 Jahren leider schmerzvoll von Arschkrampe Jerry verabschieden. Viel zu früh. Und die Lücke, die er hinterlässt, ist unglaublich groß.

Bücher, Bücher, Bücher!

Der Postbote hat soeben schwer geschleppt. Gleich vier Päckchen mit neuen Büchern hat er mir gebracht! Haaach, was für eine Freude.
Auf neue Bücher muss man anstoßen, das gehört sich so. Mit Minz-Ingwertee geht das ganz vortrefflich.

So, jetzt aber mal Butter bei die Fische und hergezeigt die neuen Bücher:

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Ganz links – und leider etwas überbelichtet – ein superschönes kleines Heftchen, das im Kaufmann Verlag erschienen ist: Jeder Tag ist einmalig von meinem Alter Ego Johanna Stange (mein Pseudonym, mit dem ich an meine Großmutter erinnere). Darin sind Zitate, Gedichte und alle möglichen klugen Aussprüche, die ich zusammengesammelt habe. Es geht um Glück und darum, das beste aus jedem Tag zu machen und das Leben zu genießen! – Klug, oder? Rilke ist natürlich auch drin …

Rechts daneben seht ihr einen Tag am Meer! – Schön, ne?  Das ist ein Film, der speziell für die Bedürfnisse von Demenzkranken gemacht wurde. Ich durfte dazu das Begleitheft schreiben. Dafür habe ich den Film ein paar Mal angeschaut und konnte mich an den schönen Bildern gar nicht satt sehen. Ich mag das Meer ja sehr … Haaach!
Letztes Jahr hat der Verlag an der Ruhr schon einen ähnlichen Film veröffentlicht: Eine Wanderung in den Bergen. Ich war eingeladen zur Premiere ins Essener Filmstudio Glückauf und konnte dort live sehen, wie gut der Film bei den Demenzkranken ankam.

Die beiden rechten Bücher sind auch aus dem Programm für Demenzkranke im Verlag an der Ruhr. Es sind 5-Minuten-Vorlesegeschichten. Den Band Leibgerichte hat meine liebe Kollegin und Freundin Birgit Ebbert geschrieben und ich war ihre Lektorin dabei. Das war ein witziger Zufall und wir hatten bei der Arbeit unseren Spaß.
Die Tiergeschichten daneben stammen aus meiner Feder. Das war vielleicht eine Freude, als mich der Verlag für dieses Thema angefragt hat! Mal wieder ein Herzensthema. Mir die Geschichten auszudenken und zu schreiben, fiel mir nicht schwer. Ich habe auch ein paar eigene Erfahrungen „verwurstet“, aber noch jede Menge dazugedichtet.
Die Geschichten hatten ja vor kurzem erst Premiere in einer Essener Alteneinrichtung und haben meine 50er-Jahre Geschichten, die im letzten Jahr erschienen sind, problemlos ausgestochen. Ich sags ja: Catcontent zieht immer. :-D

Ein neues Buch, ein neues Buch!

Wie ich ja eigentlich gerade erst erzählt habe, haben wir Sommer.
Im Buchhandel aber da ticken die Uhren anders. In der Buchhandelwelt ist jetzt nämlich quasi fast schon Herbst – und da erscheint ein neues Buch von mir. Keines für Kinder, sondern eines für Erwachsene … tatatataaaaaa!

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Für den Verlag an der Ruhr habe ich witzige, unterhaltsame und auch nachdenkliche Geschichten über die wichtigsten Ereignisse der 1950er-Jahre geschrieben. Für die Arbeit in Lesekreisen oder Pflegegruppen sind noch informative Hintergrundinformationen und weiterführende Fragen dabei.

Es hat mir superviel Spaß gemacht, für dieses Buch zu recherchieren und mir die Geschichten zu überlegen. Und das Beste an der Vorbereitung war natürlich, dass ich die ganzen 50er-Filme, die ich in meiner Kindheit schon geliebt habe, noch einmal anschauen durfte … Arbeit muss ja auch Spaß machen!

 

P.S. Mein Kopf ist zwar jetzt im (Bücher-)Herbst, aber da draußen ist jetzt tatsächlich Sommer! Hängematte und so!!!

Sommerabend

„Muy bien!“, rief der dunkelhaarige Junge, als Clara auf dem rutschigen Felsen landete. Die Locken flogen und das Kleid bauschte sich. Stolz sah sie sich nach ihren Eltern um. Doch die saßen ins Gespräch und ihren Nachtisch vertieft im Hafenrestaurant. Muy bien, heißt sehr gut, wusste Clara. Und ihr Sprung war auch wirklich gut gewesen.

Der Junge machte sich bereit für den nächsten Felsblock. Seine Hose war schon durchnässt vom spritzenden Meerwasser. Claras Blick fiel auf ihre Füße. Die steckten in silberglänzenden Sandalen. Die waren neu, genau wie das Kleid. Beides hatte sie sich erst heute Nachmittag in dem kleinen Laden auf der Strandpromenade ausgesucht. Sie weißen Punkte auf dem roten Stoff waren Clara sofort ins Auge gefallen. Sie passten zu diesem Urlaub. Jeder Punkt stand für einen schönen Augenblick. So ähnlich wie beim Sams, nur dass ihre Punkte nicht weniger wurden, sondern mehr.

Clara machte sich bereit für ihren nächsten Sprung. Der Stein war ziemlich weit weg, und er lag nur knapp über der Wasseroberfläche. Immer wieder spülten kleine Wellen über ihn.  Ob sie es schaffen würde?