Neues aus dem Bücherregal

„KUUUUCKAAA!!“, brüllt das Kleinkind und haut mir mit voller Wucht ein Taschenbuch auf den Kopf. Ich liege mit geschlossenen Augen auf dem Sofa und hoffte eigentlich unsichtbar zu sein. Das hat nicht geklappt. Beim Kind funktioniert das doch auch immer?!
Ich schaue mir das Buch an, das neben meinem Kopf liegt. `Umsonst geht nur die Sonne auf. Eine Erzählung über Kinderarbeit vor hundert Jahren.´ Was will mir das Kind damit sagen? Muss ich ab sofort die Spülmaschine wieder allein ausräumen?

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Wir einigen uns darauf, doch lieber ein Bilderbuch zu anzuschauen. „Hoch oben am Himmel steht der Mond“, erzähle ich und werde jäh unterbrochen von einer Faust, die vehement auf die Seite einschlägt. „BALL! BALL! BALL!“ – „Aber das ist doch der Mo…“, setze ich zaghaft an. – „BALL! BALL! BALL!“, werde ich übertönt. „Gut, hoch oben am Himmel steht der Ball und leuchtet hell“, lese ich. Ein zufriedenes Zahnlückenlächeln ist mein Lohn, bevor meine Finger schmerzhaft zwischen den Pappseiten des Buches eingequetscht werden.

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John Green: Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken

Ich lese ja wahnsinnig gern zwischendurch auch mal Jugendromane. Auf den neuen John Green war ich total gespannt.

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In „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ aus dem Hanser Verlag geht es um das 16-jährige Mädchen Aza, das neben den normalen Schwierigkeiten der Pubertät mit seinen Zwangsgedanken zu kämpfen hat und in einer Art Parallelwelt lebt.

John Green beschäftigt sich immer mit Themen, die anderen unangenehm sind. „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ rund um die beiden krebskranken Jugendlichen Hazel und Gus hat mir beispielsweise mehr als einen Kloß im Hals verpasst. Und auch Azas Zwangsgedanken und Zwangshandlungen sind authentisch und einfühlsam in die Geschichte eingewoben, in der es auch um Freundschaft, zaghafte Liebe und einen verschwundenen Millionär geht. Beklemmend und so nachvollziehbar beschreibt Green die Gedankenwelt und die Ängste des Mädchens vor Bakterien und tödlichen Krankheiten, dass man als Leser plötzlich selbst meint, einen bepflasterten Mittelfinger mit pochender Wunde darunter zu spüren.

Trotzdem war ich nicht sofort gefesselt. Ich hatte bestimmt schon hundert der zweihundert Seiten gelesen, bis es mich so richtig packte. Im zweiten Teil steht Azas Mädchenfreundschaft zur Fan-Fiction-Autorin Daisy mit dem Star-Wars-Fimmel und die zarte Beziehung zu Davis im Fokus. Aza reflektiert ihr Verhalten, erkennt langsam ihr Problem und weiß immer mehr, dass sie etwas ändern muss.

Ich habe den Roman gern gelesen und finde auch hier Greens Fähigkeit, das „Innenleben“ eines Mädchens so behutsam und echt in Worte zu fassen unglaublich. Das Buch ist gut komponiert, die Sprache wie immer besonders und wunderbar. Trotzdem hat das Buch mich leider nicht vom Hocker gehauen.

Zack – Pläne geändert!

Eigentlich sollte es gestern einen Ausflug in die Grüffelo- bzw. Axel Scheffler-Ausstellung ins LWL-Museum in Münster geben.
Eigentlich, ja eigentlich. Denn morgens erinnerte ein soziales Netzwerk daran, dass bei meinem Tätowierer ein Walk Inn stattfindet. Das bedeutet, dass man ohne Termin kommen kann, und sich spontan ein kleines Motiv stechen lassen kann – sofern die Schlange nicht zu lang ist. Jaaa, und dann wurden – ZACK! – die Pläne geändert und wir wollten über Wesel nach Münster fahren. „Nua ma kucken!“

Bei Norman war die Schlange dann auch glatt nicht allzu lang und nach 1,5 Stunden Wartezeit konnte ich mir eine neue kleine Freundin auf die Haut bannen lassen, bevors wieder zurück in den Pott ging. Von wegen: „Nua ma kucken!“ …

Schaut mal, Mary Poppins wie sie leibt und fliegt:

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Die Vorlage auf dem Arm.

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Und heute, einen Tag nach dem Stechen.

Aaaaber, obwohl es so spontan war, war es das eigentlich doch nicht: Das Motiv und die Körperstelle standen nämlich schon lange fest. Ich hatte nur noch keinen Termin gemacht. (Nicht, dass jetzt irgendjemand denkt, ich sei unüberlegt und spontan … ;-) )

P.S. Nach Münster zum Grüffelo gings dann heute. Superschöne Ausstellung mit vielen tollen Originalillustrationen, die einfach eine ganz andere Wirkung haben als die reproduzierten in den Bilderbüchern. Wusstet Ihr schon, dass Rotraut Susanne Berner eine enge Freundin von Axel Scheffler ist? In der Ausstellung gibt es zahlreiche illustrierte Briefumschläge zu sehen, die die beiden einander geschickt haben. Der Weg nach Münster lohnt sich!

Sommerabend

„Muy bien!“, rief der dunkelhaarige Junge, als Clara auf dem rutschigen Felsen landete. Die Locken flogen und das Kleid bauschte sich. Stolz sah sie sich nach ihren Eltern um. Doch die saßen ins Gespräch und ihren Nachtisch vertieft im Hafenrestaurant. Muy bien, heißt sehr gut, wusste Clara. Und ihr Sprung war auch wirklich gut gewesen.

Der Junge machte sich bereit für den nächsten Felsblock. Seine Hose war schon durchnässt vom spritzenden Meerwasser. Claras Blick fiel auf ihre Füße. Die steckten in silberglänzenden Sandalen. Die waren neu, genau wie das Kleid. Beides hatte sie sich erst heute Nachmittag in dem kleinen Laden auf der Strandpromenade ausgesucht. Sie weißen Punkte auf dem roten Stoff waren Clara sofort ins Auge gefallen. Sie passten zu diesem Urlaub. Jeder Punkt stand für einen schönen Augenblick. So ähnlich wie beim Sams, nur dass ihre Punkte nicht weniger wurden, sondern mehr.

Clara machte sich bereit für ihren nächsten Sprung. Der Stein war ziemlich weit weg, und er lag nur knapp über der Wasseroberfläche. Immer wieder spülten kleine Wellen über ihn.  Ob sie es schaffen würde?