Axel Hacke: Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen

Ein kleines, feines Büchlein, das gut in der Hand liegt, in einem wunderschönen Umschlag mit geprägten Buchstaben. Schon von außen macht Axel Hackes „Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen“ aus dem Verlag Antje Kunstmann einen so guten Eindruck, dass sich gleich der „Fuff“ dazugesellt hat.

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Das Buch ist kein Sachbuch, eher ein Plädoyer für zwischenmenschlichen Respekt, Wertschätzung und Rücksichtnahme, eine nachdenkliche Gedankenreihung und gleichzeitig ein (fiktives) Gespräch zwischen dem Autor und einem namenlosen Freund.

Es beginnt beim Bier und mit der Frage, ob man das Getränk einer Brauerei, die für Umweltsünden verantwortlich ist, überhaupt trinken dürfe. Was ist Anstand, respektive anständig sein denn überhaupt? – Dieser Frage geht Hacke nach und greift dabei aktuelle gesellschaftliche und politische Themen auf, reist aber auch in die Vergangenheit. Er formuliert – passend zum Getränk – süffig und leicht zugänglich, serviert aber keine leichte Kost: Hacke zitiert Erich Kästner, Mark Twain, den Soziologen Zygmunt Baumann und weitere kluge Köpfe und zieht ganz nebenbei auch aktuell diskutierte Künstler oder den NATO-Gipfel in Brüssel heran. Er schreibt über die AfD, über Liberale und über Trump, und darüber, was sich gehört und was man eben so macht oder eben nicht, über Dummheit, aber auch über Feinfühligkeit und Empathie.

Viele kleine Thesen, fundiertes Wissen, zahlreiche Passagen, die zum Immer-wieder-Lesen anregen, machen das Buch zu einem ganz besonderen. Eine Lektüre, die es in sich hat und viele Impulse zum Nach- und Weiterdenken bietet. Von mir gibt es eine Leseempfehlung für alle, die nicht gern Nabelschau betreiben und einen offenen Geist haben.

P.S. Das Buch endet natürlich auch mit einem Bier. Dem vierten.

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John Green: Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken

Ich lese ja wahnsinnig gern zwischendurch auch mal Jugendromane. Auf den neuen John Green war ich total gespannt.

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In „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ aus dem Hanser Verlag geht es um das 16-jährige Mädchen Aza, das neben den normalen Schwierigkeiten der Pubertät mit seinen Zwangsgedanken zu kämpfen hat und in einer Art Parallelwelt lebt.

John Green beschäftigt sich immer mit Themen, die anderen unangenehm sind. „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ rund um die beiden krebskranken Jugendlichen Hazel und Gus hat mir beispielsweise mehr als einen Kloß im Hals verpasst. Und auch Azas Zwangsgedanken und Zwangshandlungen sind authentisch und einfühlsam in die Geschichte eingewoben, in der es auch um Freundschaft, zaghafte Liebe und einen verschwundenen Millionär geht. Beklemmend und so nachvollziehbar beschreibt Green die Gedankenwelt und die Ängste des Mädchens vor Bakterien und tödlichen Krankheiten, dass man als Leser plötzlich selbst meint, einen bepflasterten Mittelfinger mit pochender Wunde darunter zu spüren.

Trotzdem war ich nicht sofort gefesselt. Ich hatte bestimmt schon hundert der zweihundert Seiten gelesen, bis es mich so richtig packte. Im zweiten Teil steht Azas Mädchenfreundschaft zur Fan-Fiction-Autorin Daisy mit dem Star-Wars-Fimmel und die zarte Beziehung zu Davis im Fokus. Aza reflektiert ihr Verhalten, erkennt langsam ihr Problem und weiß immer mehr, dass sie etwas ändern muss.

Ich habe den Roman gern gelesen und finde auch hier Greens Fähigkeit, das „Innenleben“ eines Mädchens so behutsam und echt in Worte zu fassen unglaublich. Das Buch ist gut komponiert, die Sprache wie immer besonders und wunderbar. Trotzdem hat das Buch mich leider nicht vom Hocker gehauen.

Stephanie Schönberger: Das Karma, meine Familie und ich

So ähnlich wie auf dem Buchcover sieht es hier auch oft aus: Das Kleinkind turnt mit, wenn die Mama Yoga übt. Deshalb hab ich bei diesem Buch sofort zugreifen müssen. Allerdings ist hier der herabschauende Hund die Lieblingsasana des Kindes.

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Yoga praktiziere ich in wechselnder Intensität schon seit über zehn Jahren. In der Zeit habe ich verschiedene Stile ausprobiert (Hatha, Vinyasa, Kundalini, Anusara, Iyengar, Jivamukti …) und mich auch immer mal wieder mit der Philosophie dahinter auseinandergesetzt – zugegebenermaßen recht oberflächlich, weil dann doch das Durchhaltevermögen fehlte oder etwas anderes dazwischengrätschte … Umso neugieriger war ich dann jetzt, wie denn Yoga nicht nur in Form der Körperübungen, der Asanas, als Ausgleich mein Leben bereichern kann, sondern mit seiner Philosophie aus den alten Schriften, wie dem Yogasutra, als wahrer Helfer im Alltagschaos dient.

In den ersten Kapiteln des Buches habe ich mich sehr ertappt gefühlt: Kleinkind(er), Freiberuflichkeit, Zweitjob, Haushalt, Privatleben etc. das MUSS doch ALLES gehen! Die Autorin berichtet ungeschönt von ihrer anstrengenden Ausgangssituation und von ihrem Weg, die Yogaphilosophie auf ihr Leben zu übertragen und davon für den Alltag zu profitieren.

Diesen Aufbau des Buches finde ich sehr geschickt. Denn Stephanie Schönberger zeigt nicht mit dem Zeigefinger sagt: Das machst du alles falsch! Stattdessen zieht sie eine ehrliche Bilanz und beschreibt einen besonderen Augenblick mit ihrer Tochter, der die Wende brachte: Sie wurde achtsamer, reflektierte, vereinfachte und veränderte den Blick auf ihr (Familien-)Leben und die Dinge drumherum.

Ich empfand die Lektüre sehr inspirierend und habe einiges mitgenommen, was ich selbst umsetzen möchte. Gegen das zettelrausrupfende Kleinkind habe ich jede Menge Eselsohren an den unteren Seitenkanten gemacht: Da will ich nochmal nachlesen.

Für yogainteressierte Mütter spreche ich eine klare Leseempfehlung aus!

 

Gelesen im Mai 2017

Der Stapel aus Büchern, die noch gelesen werden möchten, wird höher und immer höher. Die Liste der Bücher, die ich mir wünsche, wird auch immer länger … Aber ein bisschen gelesen habe ich auch:

Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Der dritte Band von Meyerhoffs kleiner biografischer Reihe ist vor kurzem im Taschenbuch erschienen und stand schon länger auf meiner To-read-Liste. Die ersten beiden Bücher Alle Toten fliegen hoch. Amerika. und Wann wird es endlich wieder so, wie es mal war hatten mir schon gut gefallen.

Ich mag Meyerhoffs unaufgeregten Erzählstil, der mich auch hier wieder von der ersten Seite an regelrecht umarmte und ins Buch hineinzog. Ich konnte es kaum beiseite legen und hatte es innerhalb weniger Tage ausgelesen. DAS ist für mich das wichtigste Kriterium für ein gutes Buch!

Die Geschichte spielt in München, gegenüber vom Nymphenburger Park. Dort haben die Großeltern ihr großes Haus. Es muss sich der Beschreibung nach eher um eine großbürgerliche Villa handeln, die von alten Bäumen umringt ist. Hier hat jeder Gegenstand einen festen Platz, der sich niemals ändert. In diesem Haus leben Joachim/Jokkis Großeltern in einer minutiösen Struktur, die sich Tag für Tag wiederholt. Morgens beginnt sie mit Enzian-Schnaps und am späten Abend endet sie mit sehr schwerem Rotwein. Und zwischendrin gibt es auch genug Alkohol – keine Sorge.

Hier bewohnt der Protagonist drei Jahre lang ein sehr, sehr rosafarbenes Zimmer – in dem sich natürlich auch nichts ändert -, während er die Otto-Falckenberg-Schule besucht und dort mehr oder weniger erfolgreich Schauspiel studiert. Schon die bestandene Aufnahmeprüfung wirkt fragwürdig und außer Kampfsport hat er auch eigentlich an nichts dort groß Freude. Pikanterweise hat seine Großmutter an genau dieser Schule jahrelang unterrichtet …

Seite für Seite entspinnt sich eine wunderbare Mischung aus Beschreibung von Situationen, Skizzen einzelner Personen und Rückblicke auf die Familie sowie die Kindheit und Jugend des Protagonisten und damit immer wieder Verweise auf die ersten beiden Bücher.

Der Verlag hat für den Herbst schon den vierten Band angekündigt. Ich freu mich total, dass es weitergeht!

Und sonst noch?

Ein geheimes Buch, das im Herbst erscheint, …

… und ein richtig geheimes Buch, das ebenfalls im Herbst auf den Buchmarkt kommt, habe ich noch gelesen, …

Susanne Weber, Tanja Jacobs: Die Eule mit der Beule. Oetinger

… und selbstverständlich Die Eule mit der Beule. Täglich, mehrmals, mit geschlossenen Augen, auch rückwärts oder nur jede zweite Seite – und immer noch mit Freude. Inzwischen ist nicht mehr die Fuchs-Seite die liebste, sondern die mit der Schlange. Nur damit ihr Bescheid wisst.

Gelesen: Ada Dorian, Betrunkene Bäume

 

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Ada Dorian: Betrunkene Bäume, Ullstein Fünf

„Betrunkene Bäume“ ist eine große Entdeckung für mich! Es ist sprachlich ganz fantastisch und auch wunderbar komponiert mit verschiedenen Perspektiven und Rückblicken, die ganz harmonisch miteinander funktionieren und ineinandergreifen, auch wenn manchmal die Bögen recht weit geschlagen sind. Ich fühle mich insgesamt erinnert an Robert Seethaler: Ein ganzes Leben – mal so zur Einordnung. Ein leicht trauriges, melancholisches Buch, das von Momenten lebt.

Protagonist ist der einsam lebende alte Mann Erich, der sich an Erinnerungen klammert, erfüllt ist von Schuldgefühlen und der Sehnsucht nach seiner großen Liebe Dascha. Erich lebt faktisch in Deutschland, aber innerlich ganz im sibirischen Wald. Dort erlebte er als junger Mann Monate, die sein Leben noch jetzt bestimmen: Forschung an Bäumen, die in sein heutiges Leben reicht, durch Kontakt zu Wissenschaftlern vor Ort und an deutschen Unis und die Begegnung mit seiner großen Liebe Dascha.
Diese lebte allein in einer ärmlichen Hütte und hatte ein Kind von Erichs einzelgängerischem Führer durch die Wälder, Wolodny, der sich aber nicht kümmerte. Erich holte die Frau und das Kind nach Deutschland. In hohem Alter kehrte Dascha nach Sibirien zurück. Erich wollte mitkommen, schaffte es aber nicht vor lauter Schuldgefühlen Wolodny gegenüber. Er lebt nun allein in einem heruntergekommenen Haus. Nachbarin ist Katharina, ein junges Mädchen, das von Zuhause abgehauen ist und illegal dort lebt. Erich engagiert sie als eine Art Haushälterin, nachdem er die Pflegerin, die seine angenommene Tochter engagiert hatte, einfach rauswirft.
Er kann nicht anders handeln, denn Erich hat ein Geheimnis: In seinem Schlafzimmer wachsen Bäume. Echte Bäume. Als das Geheimnis rauskommt, soll Erich ins Heim. Er sieht nur einen Ausweg. Dabei spielt Katharina eine tragende Rolle …

Ein wunderbares Buch. Unaufgeregt, kenntnisreich und berührend bis zu letzten Seite!

 

Gelesen im Juni 2016

Man kann ja auch einfach mal vier Wochen für ein Buch brauchen. Auch als buecherprinzessin …

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Joël Dicker: Die Geschichte der Baltimores.

Was habe ich auf dieses Buch hingefiebert! Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert hat mich so begeistert und verzaubert, dass ich es – damals noch im Buchhandel tätig – stapelweise empfohlen und verkauft habe. Ein so gut durchkomponiertes, ein so spannendes, so schönes Buch, das ich einfach nur verschlungen habe! Auch weil man so viel über den US-amerikanischen Buchmarkt erfährt.
Dagegen stinkt Die Geschichte der Baltimores echt ab. Das muss ich so ehrlich sagen. Möglicherweise liegt es daran, dass die Übersetzer nun andere sind. Die Sprache ist nämlich definitiv eine andere. Ich empfinde sie „platter“. Ich kann das nicht so gut beschreiben, was ich damit meine. Jedenfalls ist sie weniger ausgefeilt als bei Harry Quebert. Aber auch inhaltlich sind die Baltimores von anderem Kaliber. Der Protagonist – Marcus Goldman – ist in beiden Büchern derselbe und dennoch haben die Romane so wenig gemein. Hier erzählt Marcus Goldman in Rückblicken die Geschichte seiner Cousins, die tragisch endet, wie der Leser gleich zu Beginn durch kryptische Andeutungen erfährt.

Was mich besonders genervt hat beim Lesen der Baltimores waren diese ständigen Vorausdeutungen, wie „Da wusste ich noch nicht, was einmal geschehen würde!“ So etwas mag ich einfach nicht und empfinde es persönlich als „billiges“ stilistisches Mittel, das mich kein bisschen neugierig macht.

Mein Fazit ist dennoch, dass es eine interessante Geschichte ist, die man z.B. im Urlaub mal gut „wegschmökern“ kann. Leider ist es für mich aber nicht mehr.

Gelesen im April 2016

Jetzt beginnt wieder die Saison des Vorablesens. Das bedeutet, dass ich Bücher bereits lesen darf, (lange) bevor sie auf den Markt kommen. Das heißt dann aber auch, dass ich natürlich noch nicht darüber sprechen und schreiben kann. Für Euch vielleicht etwas frustrierend, aber in wenigen Monaten reiche ich meine persönliche Leseeinschätzung zu den Schätzchen natürlich nach.

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Und nun die Liste der Bücher, die es im April nun in meine Hände geschafft haben:

Antonia Hayes: Die relative Unberechenbarkeit des Glücks. Blanvalet (ET: 15.8.2016)

 

Jakob Hinrichs: Hans Fallada, der Trinker. Eine Graphic Novel. Büchergilde Gutenberg/Metrolit

Was für ein beeindruckendes Buch! Der Illustrator Jakob Hinrichs hat Auszüge aus Falladas Biografie und der Entstehungsgeschichte des Trinkers mit dem Romans selbst verknüpft und dazu eine düster-bedrückende und gleichzeitig wunderschöne Welt illustriert. Allein die Bilder sind schon ein wahrer Augenschmaus und man kann erahnen, wie lang der Illustrator an Komposition und Umsetzung gesessen haben muss. Das Buch ist wirklich ein Augenschmaus trotz des sehr bedrückenden Themas und des unglücklichen Lebens Falladas. Ich spreche eine große Empfehlung aus! Das Buch kann man sich gut selbst schenken oder sich wünschen … zum Beispiel.

 

Ferdinand von Schirach: Tabu. Piper

Krimi? Nicht Krimi? So genau weiß man das auf den ersten 100/150 Seiten nicht und auch danach bleibt der Roman voller Überraschungen. Ich finde von Schirachs schnökellosen, unaufgeregten und doch gleichzeitig so besonderen Stil einfach nur toll. Aber er polarisiert. Man muss das mögen. Fans von schnellen, spannenden und blutrünstigen Krimis kommen hier nicht auf ihre Kosten. Psychologisch interessierte Leser, die die Geschichten hinter den Fällen sehen wollen, sind hier genau richtig. Auch in diesem Buch trifft der Leser auf einen auktorialen Erzähler. Dieser berichtet von der ungewöhnliche Kindheit von Sebastian, der vieles erlebt, was man nicht als gewöhnlich bezeichnen kann. Prägend für sein ganzes Leben und tragisch ist der Moment, in dem der Junge den Selbstmord seines Vaters entdeckt. Er verschließt dieses Erlebnis in sich und trägt es mit sich. Als wegweisendes Erlebnis, so kommt es dem Leser vor. Als Fotograf/Fotokünstler wird Sebastian berühmt, führt ein rasantes und ausschweifendes Leben, lässt aber niemanden so recht an sich heran.

Und dann wird ihm plötzlich vorgeworfen, einen Mord begangen zu haben. Die Indizienlage scheint eindeutig. Und auch hier löst Schirach die Situation mit den für ihn so typischen analytischen Handgriffen. Puuuh, war das toll. Ich bin sehr begeistert!

 

Kit de Waal: Mein Name ist Leon. Rowohlt.

Was für ein bedrückender und den Hals zuschnürender Roman! Der Schwägerin des großartigen Autors und Keramikkünstlers Edmund de Waal (Der Hase mit den Bernsteinaugen) ist es auf beeindruckende Weise gelungen, sich in die Gefühlswelt des kleinen, vernachlässigten Jungen Leon hineinzuversetzen. Leon wächst in den frühen 70er-Jahren als Mischlingskind auf. Seine Mutter gerät nach der Geburt seines kleinen Bruders Jake vollkommen aus dem Tritt. Der Neunjährige versucht, die Fassade der heilen unheilen Familie aufrecht zu erhalten und muss natürlich schmerzhaft scheitern. Die Mutter wird eingewiesen, die Jungen kommen zunächst gemeinsam zu einer Pflegemutter. Kurz darauf wird der weiße Jake adoptiert, während Leon verwirrt, verletzt und einsam bei der ältlichen Pflegemutter zurückbleibt. Er schlägt sich durch, gibt sein Bestes und versucht sich selbst die Welt zu erklären. Sehr schmerzhaft zu lesen, fand ich. Wenn „herzzerreißend“ nicht so ein blöd-ironisches Wort wäre, wäre es das richtige an dieser Stelle.

 

Patti Smith: M Train.

Hach, hach, hach! Das war ein echter Lesegenuss! Auf fast jeder Seite der Erinnerungen/Erinnerungsfragmente von Patti Smith habe ich Sätze festhalten, einsaugen und in mein Gehirn prägen wollen. Impulsgesteuert scheint Patti Momentaufnahmen aus ihrem Leben seit den 80er Jahren zu erzählen. Lose miteinander verbunden durch ihre Leidenschaft zu Kaffee, Cafés, dem Reisen, Menschen, der Literatur und nicht zuletzt der Fotografie.

Besonders eingeprägt hat sich mir eine Passage, den sie über Camus‘ Der erste Mensch schreibt: „faszinierte mich […] vielleicht mehr die Sprache als der Inhalt. Aber wie dem auch sei, ich konnte mich an nicht eine Einzelheit erinnern. Ich nahm mir zwar vor, beim Lesen präsent zu bleiben, musste aber schon den zweiten Satz des ersten Absatzes zweimal lesen – eine lange Kette von Wörtern, die wie auf dem Schweif träger Wolken ostwärts zogen. Ich wurde schläfrig – eine hypnotische Schläfrigkeit, gegen die selbst ein dampfender schwarzer Kaffee nichts ausrichten konnte.“ Ziemlich genau so ging es mir mit M Train: Ich bin beim Lesen immer wieder in eine Parallelwelt abgedriftet und habe in genau der besonderen, irgendwie lyrischen und doch so unaufgeregten Sprache weitergeträumt. Ich habe mich geärgert, weil ich nicht weiterkam und gleichzeitig habe ich diese besondere Stimmung so genossen … Ein ganz besonderes Buch! Auf meinem Stapel liegt noch Just Kids – das Vorgängerbuch – allerdings auf Englisch. Das muss ich bald beginnen zu lesen. Unbedingt!

 

Joachim Meyerhoff: Alle Toten fliegen hoch. Amerika

Ein klares Jungsbuch! Wer ein Buch vom Stapel des Liebsten mopst, muss wohl damit rechnen … Joachim Meyerhoff ist gefeierter Schauspieler am Burgtheater und erfolgreicher Autor, inzwischen ist sein drittes Buch bei Kiepenheuer und Witsch erschienen. Ich hatte schon mal einen Versuch mit diesem, seinem ersten Buch gestartet – und wieder abgebrochen. Ich glaube, auch das lag daran, dass es sich um ein echtes Jungsbuch handelt. Der autobiografische Roman Meyerhoffs setzt in dessen Jugend an, beschäftigt sich mit der Familienkonstellation (starke Mutter, schwacher, theorielastiger Vater), den Unsicherheiten des Protagonisten und irgendwie im Zentrum dessen Austauschjahr in den USA, das denkbar schlecht beginnt, eine dramatische Mitte hat und doch gut ausgeht. Schmerz und Humor liegen bei Meyerhoff oft nah beieinander und seine Schreibe ist echt und nah. Das hat mich dann doch gefesselt. So sehr, dass ich mich auch an seinen zweiten Roman gewagt habe:

 

Joachim Meyerhoff: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war.

Das ist doch gar kein Roman! Mein von Geschichten, Episoden und Erzählungen begeistertes Herz hopste ein bisschen, als ich feststellte, dass der zweite Meyerhoff eigentlich genau meinem Genre entspricht. „Alle Toten fliegen hoch Teil 2“ lautet der nicht wirklich korrekte Untertitel, denn dieses Buch beginnt bereits in der Kindheit des Autors, also eigentlich vor dem 1. Teil. Die letzte Geschichte endet aber immerhin deutlich nach dem Austausch-Jahr in den USA. Nur locker miteinander verbunden sind die einzelnen Episoden miteinander und jede für sich nicht besonders aufregend, aber auch wieder geprägt von Melancholie und Witz.

 

Jami Attenberg: Saint Mazie. Schöffling & Co. ET: Herbst 2016

 

Anne Berest: Emilienne oder die Suche nach der perfekten Frau. Knaus ET 12.9.2016