Gelesen im November 2020

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Heidemarie Brosche: Und trotzdem habe ich dich immer lieb. illustriert von Jana Moskito. mgv Verlag, 2020.

Eltern schimpfen manchmal, Eltern schreien ab und an. Eltern sorgen sich und sie sind auch mal genervt. – Haben die mich überhaupt noch lieb? Das fragt sich auch der kleine Biber, der beim Spielen die Zeit vergisst und viel zu spät nach Hause kommt, wo ihn die schimpfende Biber-Mama erwartet. Gemeinsam lösen sie die Situation. Sie sprechen über alle möglichen Situationen, die dicke Luft zwischen den beiden verursachen, über die Ängste des Biber-Kindes und (kindgerecht) auch über die Sorgen und Reaktionen der Biber-Mama. So verstehen die beiden einander ein bisschen besser, kommen sich noch näher und der kleine Biber lernt, dass er trotzdem immer lieb gehabt wird. Ein tolles Bilderbuch für Kinder ab 3, das zur gemeinsamen Reflexion anregt und für Verständnis auf beiden Seiten wirbt. Die sanften und detailreichen Illustrationen von Jana Moskito fangen die besondere Stimmung zwischen Biber-Kind und Biber-Mama toll ein.

Linus Giese: Ich bin Linus. Rowohlt, 2020.

Wie ich der Mann wurde, der ich schon immer war. Rowohlt Polaris 2020. – Ein sehr offenes, ergreifendes und berührendes Buch über den trans Mann Linus, der wie ich in der Buchbranche zuhause ist. Ein lehrreiches Buch, das zum Nachdenken anregt, und lange nachhallt.

Heidemarie Brosche: Schuhhimmel mit Turbulenzen. 26 books, 2020.

Ein geschickt komponierter Roman aus drei verschiedenen Perspektiven mit Überkreuzungen, Verschachtelungen und Begegnungen. Ansonsten: eine ganz besondere Schuhboutique mit ausgefallenem und sorgsam kuratiertem Sortiment, zwei junge Beziehungen und eine gereifte sowie mehrere Freundschaften in verschiedenen Stadien und eine gute Portion Humor. Nicht zu vergessen, den heimlichen Star des Covers und auch wichtiger Dreh- und Angelpunkt der Story: der Dackel Tilo. Diese Mischung macht viel Freude und hat mir ein bisschen Leichtigkeit und Licht in einen dunklen November gebracht. Ein richtiger Schmöker zum schnell „Durchsuchten“.

Laura Miller (Hg.): Wonderlands. Die fantastischen Welten von Lewis Caroll, j. K. Rowling, Stephen King, J. R. R Tolkien, Haruki Murakami u.v.a. Aus dem Englischenvon Hanne Henninger, Susanne Kolbert und Madeleine Kaiser. wbg Theiss, 2020.

Man könnte sagen eine Geschichte der fantastischen Literatur in hundert Essays, von Homer bis Salman Rushdie. Oder: ein Bilderbuch mit vielen Informationen für alle, die Geschichte mögen, die in erfundenen Welten spielen. In fünf chronologisch strukturierten Kapiteln blättert man hier vorbei an Autor*innenfotos, fiktiven Karten, Handschriften, Fotos, Zeichnungen, erfährt etwas über die Autor*innen, über die Entstehungsgeschichte der Bücher, die Einordnung in die Zeit und eine knappe Zusammenfassung des Inhalts. Gullivers Reisen, Alice im Wunderland, die Mumins, Fahrenheit 451, 1984, Der kleine Prinz, Tintenherz … beim Blättern und bin ich immer wieder alten Bekannten begegnet, habe mich festgelesen, wieder erinnert und Neues erfahren. #leseexemplar

Gelesen im Juli 2020

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Fantastic Stories für fearless Girls. Nacherzählt von Anita Ganeri, illustriert von Khoa Le. Ullmann Medien, 2020. – Abenteuerliche und Mut machende Geschichtenklassiker aus aller Welt, in denen es um Mädchen und Frauen geht. Die Illustrationen sind so wunderschön, dass ich am liebsten jede zweite Seite rausreißen würde, um damit unsere Wohnzimmerwand zu tapezieren … #Leseexemplar

Mirna Funk: Winternähe. Fischer Taschenbuch, 2015. – Rasanter Roman einer Jüdin der „Dritten Generation“ über eine Protagonistin, die sich mit ihrer Herkunft, ihren Wurzeln und dem aktuellen Leben als Jüdin in Deutschland auseinandersetzt.

Valentine Gianella: Mein Name ist Greta. Das Manifest einer neuen Generation. Illustriert von Manuela Marazzi, übersetzt von Claudia Koch und Kathrin Lichtenberg. Midas Verlag, 2019. – Eigentlich ein Buch für Jugendliche geschrieben, aber auch für Erwachsene gefüllt mit vielen tollen Anstößen. Kompakt zusammengestellte Hintergrundinfos zum Thema „Klimawandel“, verbunden mit einem positiven Blick in die Zukunft: Was kann jede einzelne Person gegen den Klimawandel tun? Und wie können sich die Länder präventiv verhalten, um mit den Klimaveränderungen umzugehen? Ein Mut machendes Buch, das Anstöße dazu gibt, selbst, im Kleinen, ins Handeln zu kommen.  #Leseexemplar

Heidemarie Brosche: Hätte ich netter schimpfen sollen? Wie eine wertschätzende Erziehung gelingen kann. mgv Verlag, 2020. – Das Buch ist ein Erziehungsratgeber, der erfrischenderweise keine Ratschläge gibt. Mit viel Herzenswärme, Lebenserfahrung, Fachkompetenz, Neugierde und nicht zuletzt mit Wertschätzung und Verständnis wirft Heidemarie Brosche einen Rundumblick auf Kindererziehung (historisch, aktuell, kontextuell usw.) und auf die Herausforderungen, die damit einhergehen. Statt Rezepten und Anleitungen für konkrete Situationen bekommt man hier praktische Anregungen zur Reflexion und zum Perspektivwechsel. Das hat mir geholfen, individuelle Lösungen für Situationen zu finden. Besonders gut gefallen haben mir die O-Töne (von denen ich auch einige beisteuern durfte), die Einblicke in die Sichtweisen von Eltern und Noch-nicht-Eltern geben. Andere Lebenssituationen, unterschiedliche kulturelle Herkunft und die sehr verschiedenen Lebenssituationen haben meinen Blick weit gemacht. Links und rechts zu schauen, ist doch ab und an sinnvoll.
Eltern, die sich manchmal gebeutelt fühlen, tut das Verständnis dafür, dass Kinderhaben einfach eine Achterbahn ist, wahnsinnig gut, genau wie der ermunternde Blick nach vorn. Ich bin mit dem sechsten Kapitel in die Lektüre eingestiegen. Die kleine Anleitung am Anfang des Buches habe ich deshalb erst spät entdeckt. Erst dann habe ich gelesen, dass Heidemarie Brosche dieses Kapitel den Eltern als Erstes ans Herz legt, die das Gefühl haben, den eigenen Ansprüchen (mal wieder) nicht zu genügen. Hachja … ertappt! Beim Querblättern im Buch bin ich wegen der vielen Zwischenüberschriften und Schlagworte immer wieder bei einzelnen Passagen hängengeblieben und habe mal hier mal da gelesen, wo ich mich angesprochen gefühlt habe. Das kann ich sehr empfehlen!

 

Gelesen September 2018

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Caroline Rosales: Single Mom. Was es wirklich heißt, alleinerziehend zu sein. Rowohlt 2018.

Mary Beard: Frauen uns Macht. S. Fischer 2018. (zwei kluge Vorträge mit unheimlich dichtem Inhalt sprachlich wahnsinnig schön. -> sehr empfehlenswert)

Maya Fiennes: Yoga for Real Life – für jeden! EchnAton Verlag 2016. (Kundalili-Yoga, Chakras und die Integration in den (Familien-)Alltag -> inspirierendes Buch)

Hans H. Rhyner: Ayurveda für Einsteiger. BLV 2007.

Doris Dörrie: Samsara. Erzählungen. Diogenes 1998. (Großartige, lebenssezierende Erzählungen. Doris Dörrie ist einfach wunderbar!)

Rachel Cusk: In Transit. Übersetzt von Eva Bonne. Suhrkamp 2018. (großartiger Roman über eine alleinerziehende Schriftstellerin, die ihr Leben (neu) ordnet, sich im Wandel befindet ähnlich ihrem heruntergekommenenHaus in London sowie über Sehnsüchte und die Vergangenheit)

Frank Gooesen: Förster, mein Förster. Kiepenheuer & Witsch, 2018.  (Hach, Frank Goosen … <3)

Gelesen im Juni 2018

Der Juni war ein Monat gefüllt mit Blaubeeren und Erdbeeren. Ein paar gute Bücher gab es auch dazu. – Auch dieses Mal nur eine Liste des Gelesenen. Für mehr fehlt leider die Zeit …

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Madhavi Guemoes: Stay True. Wie du deine Wahrheit lebst. Illustriert von Anna Wassmer, Innenwelt Verlag, 2018. (Spiritualität im Alltag) |

Sophia Hembeck: This Feeling of Emptiness Like Shopping For Groceries And Forgetting To Bring The Pfandflaschen. Illustriert von Julia Feller, Selbstverlag, 2018. (Graphic Novel rund um eine Trennung) |

Alice Munro: Zu viel Glück. S. Fischer Verlag, 2013. (Leseempfehlung! Die beeindruckende Autorin bekam den Nobelpreis für Literatur 2013.) |

Kris Carr: Crazy, sexy und gesund. Aurum Verlag, 2016. (Gesundheit, Ernährung, Bewusstsein) |

Guru Jagat: Unbesiegbar leben. Knaur, 2018. (Kundalini Yoga, Lebensgestaltung) |

Connie Palmen: Die Sünde der Frau. Diogenes, 2018. (vier fantastische Essays über vier Künstlerinnen) |

Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe. Storys. dtv, 2017. (Fantastisch, aber weder schön, noch schmerzfrei. Dreckig, dunkel, hoffnungslos und schonungslos – Lesempfehlung!) |

Gelesen im März 2018

  1. Julia Korbik: Oh, Simone! Warum wir Beauvoir wiederentdecken sollten. Rowohlt Verlag 2017.
  2. Volker Kutscher/Kat Menschik: Moabit. Galiani 2017.

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Neu gelesen mit dem Bücherprinzesschen

  1. Eilika Mühlenberg: Katzen mit Haus. Atlantis 2013.
  2. Rotraut Susanne Berner: Sommer-Wimmelbuch. Gerstenberg 2005.
  3. Rosemarie Künzler-Behncke/Regine Altegoer: Kleine Bildergeschichten von Nik. arsEdition 2009.
  4. Rotraut Susanne Berner: Neue Karlchen-Geschichten. Ein Vorlese-Bilder-Buch. Carl Hanser Verlag 2011.
  5. Michael Rosen/Helen Oxenbury: Wir gehen auf Bärenjagd. Sauerländer 2009.
  6. Rotraut Susanne Berner: Nacht-Wimmelbuch. Gerstenberg 2012.

Eilika Mühlenberg: Katzen mit Haus

Das Bilderbuch steht schon einige Jahre in meinem Regal. Ich hatte es mal aus einem Impuls – „Oh, ein Katzenbilderbuch, in dem es um die Bedürfnisse von Katzen geht! Das brauche ich.“ – gekauft. Vor ein paar Tagen entdeckte das Kind es und seitdem heißt es Tag für Tag: „Mehr Katzen!!!“ Also schauen wir uns immer wieder die schönen, ausdrucksstarken und auf das Wesentliche reduzierten Bilder an und ich lese die Geschichte vor.

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Der Plot ist schnell erzählt: Zwei Katzen leben mit einem alten Ehepaar in dem Haus mit Garten und  bleiben dort wohnen, als das Paar wegzieht und eine Familie mit zwei Kindern einzieht. Katzen mit Haus eben! Am Anfang holpert es ziemlich im gemeinsamen Zusammenleben und vor allem die Mutter hat ihre Schwierigkeiten mit den Katzen, die plötzlich überall auftauchen und alte Gewohnheiten – auf dem Küchenschrank sitzen, im Obergeschoss schlafen – beibehalten möchten. Die Kinder werben um Verständnis für die Micki und Mau („Mama, du hast ihnen Angst gemacht.“) und auch der Vater bemüht sich, Lösungen zu finden, die für alle – Menschen und Katzen – passen.

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Leider kommt die Mutter im Buch nicht so gut weg. Sie ist genervt von den Katzen, während sich die anderen Familienmitglieder von Anfang an einlassen auf das Zusammenleben. Aber so ist das eben: Jeder ist anders.

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Was das Buch für mich so zauberhaft und liebenswert macht: Jeder ist wichtig – Menschen wie Tiere. Und zusammen findet die Familie gute Lösungen und einem schönen, gemeinsamen Leben steht nichts mehr im Weg: Teppichreste vor der Katzenklappe sorgen für saubere Katzenfüße und ein sauberes Sofa, Kissen auf den Fensterbänken schaffen neue Lieblingsplätze für Micki und Mau und die Mutter öffnet ihr Herz für die beiden.

Auf der letzten Seite im Buch liegen alle gemeinsam im großen Familienbett und kuscheln sich aneinander. „Schnurren ist besser als Schnarchen“, sagt die Mutter. Diese Seite mag das Kind besonders, wahrscheinlich weil sie sehr an unser Zuhause erinnert.

Eilika Mühlenberg: Katzen mit Haus. Atlantis 2013.

Gelesen im Januar 2018

Der einzig gute Vorsatz, den ich für 2018 gefasst habe, ist, wieder viel mehr zu lesen und das auch wieder konsequent zu dokumentieren – und in einzelnen Fällen auch zu kommentieren. Das will ich nicht mehr so dogmatisch tun wie in den letzten Jahren. Aber meinen Senf gebe ich immer noch gern dazu. Im Januar leider nur bei einem Buch. Dabei waren alle wirklich sehr lesens- und empfehlenswert!

  1. Der schönste Ort der Welt. Von Menschen in Buchhandlungen. Ausgewählt von Martha Schoknecht, Diogenes, 2018.
  2. Maria Sveland: Bitterfotze. Kiepenheuer & Witsch, 2009.
  3. Joachim Meyerhoff: Die Zweisamkeit der Einzelgänger. Kiepenheuer & Witsch, 2017.
  4. Markus Orths: Max. Hanser, 2017.
  5. Bernhard Schlink: Olga. Diogenes, 2018.

Maria Sveland: Bitterfotze

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Wir spazierten mit unseren beiden Kleinkindern durch die stillen Straßen des jungen Jahres und sprachen über Vereinbarkeit von Arbeit und Kind mit dem eigenen Leben. Für mich als Alleinerziehende ist das ein ewiger Spagat, bei dem gefühlt jeder und alles immer zu kurz kommt. Allem voran ich selbst.
Meine Freundin zog kurz darauf Bitterfotze von Maria Sveland (Kiepenheuer & Witsch, 2009) aus ihrem Bücherregal und drückte es mir in die Hand. „Lies das mal“, sagte sie.

Ein Roman mit vielen Gedanken und wenig Handlung erwartete mich: Die Protagonistin Sara reist allein für eine Woche in eine Touristenburg nach Teneriffa. Ihren zweijährigen Sohn lässt sie beim Vater. Sie braucht eine Auszeit, fühlt sich ausgebrannt und bitterfotzig. Ein Begriff, den ich noch nie gehört hatte und dennoch erfasste ich sofort das Gefühl, das damit gemeint ist.

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Am Pool und im Restaurant beobachtet Sara einige Paare und deren Umgang miteinander, reflektiert ihr eigenes Leben, ihre Rolle(n) und betrachtet ihre eigene(n) Liebesbeziehung(en) – auch die vergangenen – und die Strukturen und Sehnsüchte dahinter.

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Sara stellt Fragen: Was macht für die Gesellschaft eine gute Mutter aus? Eine, die sich selbst, ihre Bedürfnisse und ihr eigenes Leben für die Familie aufopfert? Oder wird das gar als Selbstverständlichkeit betrachtet? Und wann gilt ein Vater als guter Vater? Wenn er die zwei Mindestmonate Elternzeit nimmt? Wenn er Hausmann ist? Wird dann applaudiert? – Wie können Eltern gemeinsam Eltern sein und sich dennoch auch als Paar nicht verlieren? Wie können sie der kräftezehrenden Spirale des Alltags entkommen? Wo ist die Kreuzung, an der man einen Weg einschlagen kann, der die Bedürfnisse aller berücksichtigt? Und wie kann die Umsetzung gelingen? … und immer wieder: „Darf“ eine Frau und Mutter sich ihren eigenen Raum nehmen? Wie wird sie die verdammten Schuldgefühle los, die sich sofort aufdrängen, wenn sie etwas ohne das Kind unternimmt? Der Vater arbeitet unmittelbar nach der Geburt wochen- und monatelang weit weg und gilt dennoch als Held und liebevoller Vater, während die Mutter angesichts einer Auszeit von fünf Tagen abfällig betrachtet und kritisiert wird. Warum diese unterschiedlichen Bewertungen? Kann man sich von dieser eingeimpften Betrachtungsweise lösen?

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Wut und Zorn der Protagonistin stehen am Anfang, mischen sich mit Mutlosigkeit, Verzweiflung sowie Trauer, und werden im Romanverlauf immer mehr auch zu Klarheit und konstruktiven Gedanken geformt.

Eine Lektüre, die den*die Leser*in mit neuen Gedanken entlässt. Eine Leseempfehlung für alle, die sich mit der Struktur von (Klein-)Familien auseinandersetzen möchten, und für alle, die Feminismus als Bewegung verstehen (wollen), die die Welt für alle ein bisschen besser machen möchte.

Sarah Meyer-Dietrich: Ruhrpottkind

Als ich das Buch „Ruhrpottkind“ von Sarah Meyer-Dietrich in der kleinen Buchhandlung liegen sah, zog es mich gleich magisch an.

Zum einen bin ich ja selbst ein Ruhrpottkind und zum anderen weckte der Verlag Henselowsky Boschmann gleich Erinnerungen an meine Ausbildungszeit im Buchhandel (bald unfassbare zwanzig Jahre her!). Damals gab es regelmäßig Lesungen mit Autoren des Verlags in meinem Ausbildungsbetrieb. Und natürlich musste ich auch an die Autorin Inge Meyer-Dietrich denken, die Mutter von Sarah Meyer-Dietrich. Über eines ihrer Bücher habe ich damals meine Zwischenprüfung im Studium geschrieben …

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Aber hier geht es nun um das „Ruhrpottkind“ von Sarah Meyer-Dietrich. Schon der erste kleine Absatz nahm mich gefangen: „Ich hab eigentlich gedacht, dass mein Vater Horst heißt. Weil Oma der Vollhorst sagt, wenn sie über ihn redet. Hoffentlich kommen die Mädchen nicht nach dem Vollhorst, sagt sie. Oder: Sei froh, dass du den Vollhorst los bist, Geli.“

Und damit ist schon alles klar, oder? Jennifer und ihre Schwester Jana leben mit ihrer alleinerziehenden Mutter Geli und der Oma zusamme mitten im Ruhrpott. Jennifer ist (wie die Autorin und auch ich) 1980 geboren. Das Geld ist immer knapp, Geli ist meistens unglücklich und raucht eine Stuyvesant nach der anderen. Am liebsten mit ihrer besten Freundin Vera. Die hat sogar ein Auto.
Jennifer mag Wortspiele und die Micky Maus. Jana liebt Alf und beide hören gern Kassetten mit ihrem 80er-typischen Kinderkassettenrekorder. Die Mutter Geli kocht am besten Ravioli und Fischstäbchen und zu trinken gibt es Kindercola – manchmal sogar richtige …
Unglaublich lebendig und plastisch hat mich Sarah Meyer-Dietrich in die Ära meiner Kindheit entführt. Eine kleine Zeitreise. Das Geschwisterpaar Jennifer und Jana erinnert mich sehr an zwei Mädchen, die damals in unserer Nachbarschaft unter ähnlichen Bedingungen lebten. Meine eigene Kindheit war dann doch ein bisschen anders.

Das Buch ist für alle, die in den 80ern im Ruhrpott großgeworden sind, ein Muss! Und auch allen anderen, die sich für die Zeit interessieren, kann ich es ans Herz legen. Meines hat es berührt.

Axel Hacke: Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen

Ein kleines, feines Büchlein, das gut in der Hand liegt, in einem wunderschönen Umschlag mit geprägten Buchstaben. Schon von außen macht Axel Hackes „Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen“ aus dem Verlag Antje Kunstmann einen so guten Eindruck, dass sich gleich der „Fuff“ dazugesellt hat.

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Das Buch ist kein Sachbuch, eher ein Plädoyer für zwischenmenschlichen Respekt, Wertschätzung und Rücksichtnahme, eine nachdenkliche Gedankenreihung und gleichzeitig ein (fiktives) Gespräch zwischen dem Autor und einem namenlosen Freund.

Es beginnt beim Bier und mit der Frage, ob man das Getränk einer Brauerei, die für Umweltsünden verantwortlich ist, überhaupt trinken dürfe. Was ist Anstand, respektive anständig sein denn überhaupt? – Dieser Frage geht Hacke nach und greift dabei aktuelle gesellschaftliche und politische Themen auf, reist aber auch in die Vergangenheit. Er formuliert – passend zum Getränk – süffig und leicht zugänglich, serviert aber keine leichte Kost: Hacke zitiert Erich Kästner, Mark Twain, den Soziologen Zygmunt Baumann und weitere kluge Köpfe und zieht ganz nebenbei auch aktuell diskutierte Künstler oder den NATO-Gipfel in Brüssel heran. Er schreibt über die AfD, über Liberale und über Trump, und darüber, was sich gehört und was man eben so macht oder eben nicht, über Dummheit, aber auch über Feinfühligkeit und Empathie.

Viele kleine Thesen, fundiertes Wissen, zahlreiche Passagen, die zum Immer-wieder-Lesen anregen, machen das Buch zu einem ganz besonderen. Eine Lektüre, die es in sich hat und viele Impulse zum Nach- und Weiterdenken bietet. Von mir gibt es eine Leseempfehlung für alle, die nicht gern Nabelschau betreiben und einen offenen Geist haben.

P.S. Das Buch endet natürlich auch mit einem Bier. Dem vierten.