Das kleine Glück

Als ich mich zum Flaschencontainer durchkämpfe, ärger ich mich über den Müll, die alten Teppiche, Gardinen und Fernseher, die jemand hier achtlos entsorgt hat.
Da sagt eine Stimme: „Hier findet man immer was Schönes!“ Eine Frau mit lang nicht gewaschenen Haaren und einem fleckigen Beutel, gefüllt mit Pfandflaschen, zieht ein abgeliebtes Kirmesstofftier aus den 80ern aus dem Haufen vor dem Container.
Die Frau ist sicher nicht älter als ich – ihr Gesicht aber ist von tiefen Sorgenfurchen gezeichnet und ihre Schultern sind gebeugt von großer Last. Sie strahlt ihren Fund an und klopft den Dreck ab. „Eine Runde in der Waschmaschine und du bist wie neu.“
Kurz darauf sehe ich sie im Supermarkt an der Kasse wieder. Sie bezahlt eine kleine Flasche Dirty Harry mit 1- und 2-Centstücken.
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Gegenüber

Seit fast fünf Jahren sitze ich in der ersten Reihe und habe eine gute Sicht. Ich beobachte, wie Punkt 11 Uhr die abgeschrappten Plastikstühle auseinander gezogen und verteilt werden, und wie die Tischdecken aus Wachstuch – einige sind knallblau, andere gelb mit Rosenmotiv – auf den Klapptischen aufgefaltet werden. Oft helfen die ersten ungeduldigen Gäste schon beim Aufbau ihrer eigenen Kulissen. IMAG0849 Meist ist Gabi da. So hieß sie für mich seit dem ersten Moment. Ob sie in Wirklichkeit vielleicht Melanie oder Ulla heißt, werde ich nicht erfahren. Gabi ist ein Kind der 80-er. Noch immer trägt sie stolz ihre blondierte Fickpalme auf dem Kopf und kleidet ihren gewaltigen Busen in knallige T-Shirts mit Applikationen und Glitzersteinchen. Gern raucht Gabi zwischendurch eine Zigarette mit ihren Gästen und setzt sich auch mal dazu. IMAG0720 Zu mir hinauf dringen nur Gesprächsfetzen, aber die reichen aus, um die banalen Situationen, die das Leben gegenüber prägen, zu verstehen. Ich selbst bin unsichtbar hinter Fensterglas an meinem Schreibtisch und bleibe Zaungast. An schlechten Tagen stehe ich erst mit dem Gemurmel und dem Knobelbechergerummse von gegenüber auf, nachdem ich schon mit derselben Geräuschkulisse am Vorabend ins Reich der Träume hinübergeglitten bin. Beruhigendes Hintergrundgeplätscher. IMAG0471 Ich kenne sie alle: Die Knobelrunde, die sich jeden Dienstagvormittag trifft, und die in den letzten Monaten um zwei Männer dezimiert wurde. Den einen hat der „Krebbs“ dahingerafft, der andere hatte „wat am Herzen“. Die Abendknobler sind weniger regelmäßig. Die Runden ergeben sich meist spontan. Der dürre Gelockte mit dem Schnurrbart kommt fast jeden Tag mit seinem Volvo angefahren. Er kennt eigentlich jeden und setzt sich überall mal dazu. Meist sind es Männer im frischen Rentenalter, die ihre Zeit tagsüber gegenüber verbringen. Oft kommen sie allein und bleiben es auch. Manchmal knüpfen sich zarte Bande. IMAG0566 In den letzten Wochen war der Karierte mit dem unfassbar großen und dicken Hund fast täglich da. Jetzt habe ich ihn schon ein paar Tage nicht gesehen. Liegt es am Monatsende, das sich nähert? Dann wird es gegenüber nämlich immer leerer und abends geht das Licht oft schon aus, während ich noch am Schreibtisch sitze. Am Monatsanfang oder wenn einer Geburtstag hat, geht es auch unter der Woche gern mal bis 2 oder 3.

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Mit Ausnahme von Gabi und ihren beiden Kolleginnen kommen Frauen erst abends dazu, es sind selten dieselben. An den Tagen, an denen sich die kahlrasierten Fans des örtlichen Fußballvereins einfinden, kommen auch jüngere Frauen. Die schmachten und zwinkern und flirten und rutschen von einem Schoß zum nächsten. An solchen Abend gibt’s auch schonmal Ärger. So richtig. Dann wird mit dem Plastikmobilar geworfen. Kreischende Frauen versuchen erfolglos, die Heißsporne zu besänftigen. Das schafft Gabi am Ende oft, und wirft sie alle raus. Auch das kann sie gut. IMAG1022 Manchmal werde ich vom Zaungast zum Besucher gegenüber. Dann, wenn der Paketbote etwas für mich dort abgibt oder ich in Schlafanzughose schnell hinüberhusche, um eine Schachtel Kippen zu kaufen. Gabi erkennt mich wieder. Aber sie weiß nicht, dass ich sie tagtäglich beobachte. Denn ihr Blick hebt sich nie bis in den ersten Stock.

Offenen Wortes – mein Körper

Vor ein paar Tagen hat Fee von FeeistmeinName mit einem Post über ihre MS eine Blogparade ins Leben gerufen. „Mein Körper und ich“ nannte sie sie. Dazu fiel mir sofort ganz viel ein. Einiges davon habe ich noch nie öffentlich geäußert, und die meisten anderen Dinge nur im geschützten Raum.
Deshalb habe ich auch ein paar Tage gebraucht, um Mut zu sammeln und nun doch darüber zu schreiben. Weil ich es wichtig finde. Und weil sich ewig zu verstecken ja auch keine Lösung ist.

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Freunde waren wir noch nie. Schon als 5-Jährige fand ich dich blöd, weil Du nicht in das hübsche Dirndl passtest und stattdessen die Latzhose tragen musstest. Dabei warst Du nur zu lang. Für Sport warst Du schon damals nicht so wirklich geeignet. Immerhin Mittelmaß. Das haben wir in der Schule gemerkt.

Mit 12 fing es dann an, dass ich Dich gar nicht mehr mochte und Dich unbedingt anders wollte. Dafür habe ich viel ausprobiert und war brutal Dir gegenüber mit Entzug, Übermaß und Raub. Nie war ich zufrieden, kein kleiner Erfolg war von Dauer. Das einzige was blieb, war der Hass. Bis heute hadere ich mit Dir. Obwohl ich seit vielen Jahren daran arbeite. Mit Unterstützung.

Ich war noch nicht 20, als Symptome zutage traten, die erst 10 Jahre später als chronische Krankheit, das Lipolymphödem, diagnostiziert wurden. Deshalb gab ich mir Mühe, Dir gegenüber milder zu werden. Dich zu pflegen. Aber ich habe es nicht geschafft. Immer wieder triezte ich Dich und machte Dir klar, dass Du so, wie Du bist, nicht richtig bist. Und im Grunde machte die Krankheit das noch schlimmer, weil Du noch weniger so funktionierst wie ich es wollte.

In den letzten Jahren sind einige (Operations-)Narben hinzugekommen, eine langwierige Verletzung und Nebenwirkungen von Medikamenten. Das alles macht mich mit Dir nicht zufriedener.

Wenn ich aber jetzt Bilder von Dir sehe, die vor ein paar Jahren entstanden, finde ich Dich gar nichtmal so schlecht. Manchmal sogar ziemlich gut. Damals habe ich Dich gehasst und gegen Dich gekämpft. Wenn ich 50 bin, werde ich vielleicht Bilder von heute betrachten und Dich mögen.

Ich weiß, ich muss unbedingt auf Dich aufpassen, denn schließlich möchte ich mit Dir noch mindestens 60 Jahre verbringen – und zwar aktiv. Das geht aber nur, wenn ich gut zu Dir bin. Ich strenge mich an und gebe mir Mühe. Aber es wird weiterhin auch schlechte Tage geben, an denen ich weiter gegen Dich kämpfe.

Ich wünsche mir, dass Du mir das verzeihen kannst. Ich selber bringe es nicht fertig.

Tage am Meer

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Richard Dehmel
Klarer Tag

Der Himmel leuchtet aus dem Meer;
ich geh und leuchte still wie er.

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Und viele Menschen gehn wie ich,
sie leuchten alle still für sich.

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Zuweilen scheint nur Licht zu gehn
und durch die Stille hinzuwehn.

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Ein Lüftchen haucht den Strand entlang:
o wundervoller Müßiggang.

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P.S. Letzte Woche war ich am Meer, mit den Hühnern. Hach, was war das schön!!!

Live in … HERNE! – Ein Rückblick.

Ma wat ganz Neuet!!! Auch wenn ich verdammt spät dran bin …

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geknippst von Birgit Ebbert

Was Lesungen aus meinen Kindertexten, die von verschiedenen Verlagen veröffentlicht wurden, angeht, bin ich ja echt n alter Hase. Und auch mit den Geschichten für Demenzkranke, die im Verlag an der Ruhr erschienen sind, hatte ich schon meine Feuertaufe, die so gut über die Bühne ging, dass ich für eine Folgelesung gebucht wurde.Und nun wurde ich aber zu einer Lesung eingeladen, bei der ich lesen durfte, was ich wollte! Eine Lesung abends in einem Café. Kindertexte und welche für Demenzkranke sind dort wohl nur bedingt passend, dachte ich, und ergriff die Chance: Ich wollte meine ganz eigenen Texte lesen, die ich nur aus Spass (Betonung auf dem `ss´) an der Freud geschrieben habe und zum Teil schon hier im Blog einer sehr begrenzten Leserschaft zugänglich gemacht hatte.

Zwei Ruhrpott-Autorinnen, Nona Simakis und Zehra Anders, haben eine sympathische Lesereihe für Autoren aus der Region ins Leben gerufen und sich dafür das gemütliche MuCa in Herne, das Museums-Café, als Location ausgewählt. Bei der zweiten Veranstaltung der Serie war ich eingeladen.

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fotografiert von Nona Simakis

Ein bisschen schlotterten meine Knie schon. So mit komplett unlektorierten Texten, die ich mir aus dem Bauch und der Seele geschrieben habe, vor ein Publikum zu treten, ist echt nochmal was anderes. Hoffentlich gähnt keiner, hoffentlich mag das Publikum meinen Humor und versteht die zarte Verbindung zwischen meinen Texten … all diese Gedanken hatte ich mir überflüssigerweise gemacht! Denn der Abend war bombe! Es wurde gelacht, geschmunzelt, geklatscht und am Ende hab ich doch noch eine Kindergeschichte eingeschmuggelt.

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ein Schnappschuss von Nona Simakis

Für meine Texte im Schatten – so nenne ich sie mal, weil ich sie nicht zur Veröffentlichung geschrieben habe – habe ich viele wunderschöne, berührende und liebe Worte bekommen und viel Ermutigung und Ermunterung, weiterzuschreiben. Weil sie Spaß machen. Mir beim Schreiben und Euch beim Lesen.

Mit Verspätung: Wien III – So ein schöner Ort!

Ich bin ein großer Fan dieser Plattform, über die man in privaten Wohnungen Zimmer oder gar die ganze Butze für ein paar Tage anmieten kann. Ich habe damit bisher nur gute Erfahrungen gemacht, tolle Menschen kennengelernt, ausgesprochen günstig gewohnt (Kopenhagen!) und mit Erfolg für ein paar Tage so getan, als würde ich in der fremden Stadt wohnen. Darin bin ich quasi Profi! Als-ob-Spiele haben schon meine Kindheit geprägt und beim Geschichtenschreiben ist das auch immer wieder praktisch.

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Deshalb haben wir natürlich auch in Wien in genau so einer Butze gewohnt, da hätte der Reisebegleiter kein Mitspracherecht geltend machen können. Es musste selbstverständlich ein typischer Wiener Altbau sein, wirklich bewohnt und keine Ferienwohnung! Dass die Bewohnerin von Beruf Sängerin ist und mit der Wohnung ihre Familiengeschichte verknüpft ist, war dann noch das Sahnehäubchen.

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Und wie schön es dort war! Knarrendes Parkett, unendlich hohe Decken, großartige Türen und – ein Flügel direkt neben dem Bett. (Das Foto hab ich quasi noch im Schlaf geschossen!)

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Und überall Gedöns. Kleine Dinge, die darauf schließen lassen, dass die Wohnung geliebt und bewohnt wird von jemandem, der das Schöne schätzt, dem die Erinnerung am Herzen liegt, und der doch sehr im Hier und Jetzt lebt.

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Für ein paar Tage war diese wunderbare Wohnung unsere Homebase, unser Basislager. Wenn sich meine müden, kaputten Füße und Beine mal wieder früh ausruhen mussten, haben wir es uns einfach gemütlich gemacht, als ob wir dort lebten. Gelesen, gequatscht, Kaffee und Wein getrunken und einfach abgehangen.

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Es hat gut getan, für ein paar Tage dem eigenen Alltag den Rücken zu kehren und ein fremdes Leben ein bisschen überzustreifen. Ich kann das nur empfehlen und würde es jederzeit wieder genauso machen!

Zack – Pläne geändert!

Eigentlich sollte es gestern einen Ausflug in die Grüffelo- bzw. Axel Scheffler-Ausstellung ins LWL-Museum in Münster geben.
Eigentlich, ja eigentlich. Denn morgens erinnerte ein soziales Netzwerk daran, dass bei meinem Tätowierer ein Walk Inn stattfindet. Das bedeutet, dass man ohne Termin kommen kann, und sich spontan ein kleines Motiv stechen lassen kann – sofern die Schlange nicht zu lang ist. Jaaa, und dann wurden – ZACK! – die Pläne geändert und wir wollten über Wesel nach Münster fahren. „Nua ma kucken!“

Bei Norman war die Schlange dann auch glatt nicht allzu lang und nach 1,5 Stunden Wartezeit konnte ich mir eine neue kleine Freundin auf die Haut bannen lassen, bevors wieder zurück in den Pott ging. Von wegen: „Nua ma kucken!“ …

Schaut mal, Mary Poppins wie sie leibt und fliegt:

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Die Vorlage auf dem Arm.

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Und heute, einen Tag nach dem Stechen.

Aaaaber, obwohl es so spontan war, war es das eigentlich doch nicht: Das Motiv und die Körperstelle standen nämlich schon lange fest. Ich hatte nur noch keinen Termin gemacht. (Nicht, dass jetzt irgendjemand denkt, ich sei unüberlegt und spontan … ;-) )

P.S. Nach Münster zum Grüffelo gings dann heute. Superschöne Ausstellung mit vielen tollen Originalillustrationen, die einfach eine ganz andere Wirkung haben als die reproduzierten in den Bilderbüchern. Wusstet Ihr schon, dass Rotraut Susanne Berner eine enge Freundin von Axel Scheffler ist? In der Ausstellung gibt es zahlreiche illustrierte Briefumschläge zu sehen, die die beiden einander geschickt haben. Der Weg nach Münster lohnt sich!