Nachgereicht

In den letzten Monaten tauchten in meinen Leserückblicken immer mal wieder nur Titel auf mit Erscheinungsterminen. Das waren Bücher, die ich quasi in buchhändlerischer Mission vorab gelesen hatte, und zu denen ich meinen Senf deshalb noch nicht geben durfte. Inzwischen ist aber ein ganze Berg dieser Schätze erschienen und deshalb reiche ich Euch heute meine vollkommen subjektive Meinung nach. Los geht’s!

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Ich denke an Dich, Du bester Begleiter in durchschriebenen Nächten.

Isabel Bogdan: Der Pfau. Kiepenheuer&Witsch (ET: 18.2.2016)

Es lässt sich kurzweilig und amüsant an: Auf einem alten schottischen Herrschaftssitz finden sich an einem Wochenende die Mitarbeiter der Investmentabteilung einer Privatbank nebst Psychologin und Köchin zu einem Teambuilding-Wochenende ein. Außerdem anwesend sind Lord und Lady, ein polnischer Gärtner und eine Hausangestellte und einige Tiere, unter anderem ein halbwüchsiger Pfau, der aus unerklärlichen Gründen aggressiv auf die Farbe blau reagiert, so auch auf das Auto der Chefin der Banker. Der Schaden bleibt unbemerkt und der Lord erschießt den Pfau heimlich im Wald, um weiteren Schaden zu vermeiden. Die Banker ihrerseits sind kurz darauf im Wald unterwegs und der Hund der Banker-Chefin schleppt den toten Pfau an. Sie glauben natürlich, der Hund habe den Pfau gerissen … So beginnt ein witziges Verwirrspiel um den toten Pfau. Die Banker wollen ihn verschwinden lassen – einer von ihnen soll ihn verbuddeln, stattdessen stiftet er die Köchin dazu an, ihn auszunehmen, zu rupfen und als Fasan auf die Speisekarte zu setzen. Der Lord hingegen will die Missetat des Pfaus am Auto der Chefin vertuschen … etc. pp. eingeschneit werden sie auch noch, erotische Spannungen kommen auf … Gegen Ende des Buches hätte ich an so mancher Stelle gern den Rotstift zur Hand genommen und ordentlich gestrafft. Das hätte dem Buch sicher gut getan. Aber auch so ein wirklich lesenswerter Schmöker für einen gemütlichen Winternachmittag!

 

Pierre Jarawan: Am Ende bleiben die Zedern. Berlin Verlag (ET: 1. März 2016)

„Flüchtlingsbuch“ ist ein bisschen kurzgefasst. Es ist eine Familiengeschichte und die Geschichte des Libanon.
Samir wird als Kind libanesischer Flüchtlinge in einer nicht näher benannten Stadt Anfang der 80-er Jahre in Deutschland geboren. Sein Vater ist vor allem Geschichtenerzähler, der sich selbst Deutsch beigebracht und sich schnell integriert hat. Als Samir 8 Jahre alt ist, verschwindet der Vater ohne ein Wort. Darunter leidet der Einzelgänger Samir jahrelang. Seine deutlich jüngere Schwester bekommt davon nicht viel mit. 8 Jahre nach dem Verschwinden des Vaters stirbt die Mutter an einem Aneurysma. Samir gibt sich die Schuld. Seine Schwester landet in einer Pflegefamilie, Samir bei Freunden seiner Eltern. Samir wird regelrecht besessen vom Libanon und vom Verschwinden seines Vaters. Er vermutet, der Vater ist dorthin zurückgekehrt. Samir sammelt alles, was er über den Libanon nur finden kann, setzt dafür Liebesbeziehungen und Freundschaften aufs Spiel und verliert seine Ausbildungsstelle. Als er seiner Jugendliebe einen Heiratsantrag macht, weist sie ihn zurück – zuerst soll er auf einer Reise in den Libanon seine Vater-Besessenheit heilen. Im Libanon hat Samir interessante Begegnungen, aber erst, als er eigentlich schon abreisen will, trifft er wirklich bedeutsame Menschen und er kommt tatsächlich seinem Vater auf die Spur …
Sprachlich herausragend! – Mal spielerisch, mal angemessen knapp, mal bildhaft … Ein tolles Buch!

 

Donatella Di Pietrantonio: Bella mia. Kunstmann. (ET 17.2.2016)

Ein dramatischer und gleichzeitig so ruhiger Roman. Eine Bestandsaufnahme. Erzählerin Caterina lebte bis vor wenigen Jahren mit ihrer Mutter, ihrer Zwillingsschwester Olivia und deren halbwüchsigem Sohn Marco in der kleinen Stadt L’Aquila in den Abbruzzen, dann kam das große Erdbeben, das einen Großteil von L’Aquila zerstörte. Jetzt leben drei von ihnen traumatisiert in einem rasch hochgezogenen Hochhaus. Olivia ist bei dem Erdbeben gestorben. Und die anderen müssen damit nun leben und in ihr Leben zurückfinden. Das Unglück liegt schon ein paar Jahre zurück, dennoch ist die Lücke in der Familie stark spürbar. Offen thematisiert wird Olivias Fehlen selten. Dennoch ist es omnipräsent. Die Mutter geht jeden Tag auf den Friedhof, der Sohn randaliert, rebelliert, bricht aus – und Caterina fühlt sich schuldig. Caterina und Marco kehren verbotenerweise und unabhängig voneinander regelmäßig zurück in die zerstörte Stadt, um Olivia nahe zu sein, und sie nicht zu vergessen. Beide träumen vom Wiederaufbau der Stadt und von der Rückkehr dorthin.  Als Leser begleitet man die verwaiste Familie ein Stück weit auf ihrem Weg, das Leben wieder zu greifen.
Ein Buch für alle, die traurige und unaufgeregte Familiengeschichten mögen und sprachlich gut gemachte Bücher schätzen.

 

Stefan Moster: Neringa. Oder die andere Art der Heimkehr. Mare ET: 9. Februar 2016

Ich war am Anfang etwas skeptisch, weil mich weder Cover, noch Thema oder Klappentext angesprochen haben. Aber eine Freundin hatte es mir ans Herz gelegt und so begann ich, zu lesen. Und keine 12 Stunden später hatte ich das Buch durchgelesen, obwohl ich an dem Tag wirklich recht viel unterwegs war.
Sehr eingängiger, unaufgeregter Schreibstil, der mir den Protagonisten ohne größere Hindernisse ans Herz legte. Der knapp 50-jährige Deutsche lebt in London und arbeitet bei einem IT-Unternehmen, ohne Programmierer oder Vertriebler zu sein. Er hatte vor ein paar Jahren eine gute Idee für ein Konzept und unterstützt nun vor allem das englische Unternehmen in der Kommunikation mit deutschen Ämtern. Er arbeitet viel, hat im Grunde kein Privatleben und zweifelt an seinem Lebensentwurf. Durch einen Zufall wird er mit einer Kindheitserinnerung konfrontiert und macht sich auf die Suche nach dem Leben seines Großvaters. Er recherchiert, gleicht Nachgefragtes mit eigenen Erinnerungen ab, reist, macht sich eigene Vorstellungen davon, was passiert sein kann … Plötzlich wird er mit seiner Putzfrau, einer jungen Litauerin, konfrontiert. Eine knapp 30-jährige Frau, die er in diesem Job so gar nicht sieht. Er findet sie spannend, folgt ihr, bekommt Einblick in ihr Leben und verliebt sich. Beide beginnen eine Liebschaft – sehr unkitschig und sehr gleichberechtigt. Die Geschichte des Großvaters tritt etwas in den Hintergrund, wegen des „neuen“ Lebens, aber gerät nicht gänzlich in Vergessenheit. Das, was er gesucht hatte in der Geschichte seines Großvaters, findet er nun in der Liebe zu Neringa: eine andere Art der Heimkehr. Kein aufregender Roman, keiner, in dem viel geschieht und dennoch fesselnd. Der Schreibstil erinnert an die großen amerikanischen Erzähler, wie Paul Auster oder Jonathan Franzen. Ich bin sehr angetan!

 

Paul Henderson// Letzter Bus nach Coffeeville (ET 23. März 2016))

Letzter Bus nach Coffeevilleist ein sehr süffiges und auch lustiges Roadtrip-Buch trotz des traurigen Themas Alzheimer. Obwohl die Erkrankung von Nancy Ursache für den Roadtrip durch die amerikanischen Südstaaten ist, steht sie gar nicht so im Mittelpunkt. Es geht eigentlich mehr um die Lebensgeschichten und Lebenszusammenhänge der Mitreisenden. Aus so manche Schleife hätte ich verzichten können und auch so manche „lustige“ Episode hätte man streichen können – beispielsweise die Begegnung Bobs mit Che Guevara und Fidel Castro. So richtig lustig fand ich die nicht. Gut gemacht, spannend und sehr fein authentisch hingegen in die Geschichte eingeflochten ist die Rassenproblematik der amerikanischen Südstaaten. Da nimmt der Leser ohne sich belehrt zu werden noch ordentlich was mit. Auch traurig ist das Buch, Alzheimer wird realistisch dargestellt und nicht beschönigt. Dennoch reiht sich dieses Buch ein ihn die erfolgreichen und gut verkäuflichen Sick-Lit-Titel mit Senioren: Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry, Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand, Ein Mann namens Ove etc. pp. Ihr wisst, was ich meine.

 

Lydie Salvayre: Weine nicht. Blessing Verlag (ET 2/2016)

Ein hochgelobtes Buch, das in Frankreich mehrfach ausgezeichnet wurde, mit einem wunderschönen Cover. Und dennoch sind wir beide nicht zusammengekommen. Nach ungefähr einem Drittel habe ich aufgehört. Und das liegt nicht an der komplexen Thematik des spanischen Bürgerkriegs. Da habe ich einiges an Neuem erfahren, das ich wirklich interessant und spannend finde. Nein, gerade das, was in Frankreich so hoch gelobt wurde – die Verbindung der spanischen mit der französischen Sprache – empfinde ich persönlich für die deutsche Übersetzung sehr schwierig. Den Roman hat die Autorin autobiografisch geschrieben. Vorlage für die Protagonistin ist ihre Mutter – geboren in Spanien und später übersiedelt nach Frankreich -, die ihr Leben lang kein reines Französisch sprach, sondern eine Mischversion, in der sie beide Sprachen miteinander kombinierte. Meiner Meinung nach funktioniert das in der deutschen Übersetzung einfach nicht. Die spanischen Einsprengsel irritieren mehr, als dass sie der Geschichte helfen. Mit meinem uralten Schulspanisch versteh ich manchmal die Hälfte, muss dann aber doch blättern, bis zur Übersetzung ganz nach hinten. Das strengt an. Genau wie die nicht gekennzeichnete wörtliche Rede, die zusätzlich noch oft ohne Satzzeichen auskommt. Die Kombination macht das Buch wirklich sehr sperrig und wenig Lust aufs Lesen. Ein paar Tage lang dachte ich noch, „Ich les gleich/bald weiter.“ Aber inzwischen habe ich festgestellt, dass es dazu nicht kommen wird. Denn so sehr hat mich die Geschichte von Montse dann doch nicht gefesselt. Manchmal muss man so ehrlich sein!

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Gelesen im März 2016

Was für ein schön-abwechslungsreicher Lesemonat! Offenbar pendle ich mich im Moment auf fünf Bücher im Monat ein. Dabei gibt es so viele Schöne und Verführerische mehr … Aber man kann ja schließlich nicht alles schaffen. Und das Leben drumrum erfordert ja auch noch ein bisschen Aufmerksamkeit. Und schreiben will ich eigentlich auch viel mehr …

Aber genug gejammert. Hier meine Leseeindrücke vom März 2016:

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Tobi Katze: Morgen ist leider auch noch ein Tag

Gemopst vom Bücherstapel des Liebsten. Eigentlich wollte ich „was Nettes für zwischendurch“ – was sich komisch anhört bei einem Buch über Depression, ne?! Aber Tobi Katze ist ja bekanntermaßen einer, der was mit Humor und Literatur macht. Tatsächlich hat er in seinem Debüt seine eigene Depression verwurstet, wie auch schon in dem Blog, den er für den Stern geschrieben hat. Ich hab mich ehrlich gesagt mit dem Buch etwas schwer getan. Das lang vermutlich mehr an mir als dem Buch. Ich kam nicht so recht rein, war ungeduldig … Aber ich habe es zu Ende gelesen.

 

Miranda July: Zehn Wahrheiten

Als bekennender Fan von Erzählungen und (Kurz-)Geschichten war dieses Buch aus meinem Lieblingsverlag eine echte Entdeckung für mich! Sechzehn Stories unterschiedlichster Art, skurril,. verwirrend und inspirierend (obwohl dieses Wort ja seit einiger Zeit als Unwort gilt, muss ich es benutzen, weil es so wahr ist!), berührend und absolut toll. Da seht Ihr mich mal sprachlos. Das geschieht ja bekanntlich nicht allzu oft. Ich spreche eine absolute Leseempfehlung aus und bin neidisch (im besten Sinne) auf diese großartige Autorin, die so viel mehr kann als nur schreiben!

 

Ursula Poznanski: Fünf

Manchmal muss es einfach ein Thriller sein – und dann am besten einer von der köstlichsten, ähm spannendsten Sorte! Ein blutrünstiger „Road-Thriller“, der mit Geocaching spielt. Absolut unberechenbar! Ja, da tun sich meine Abgründe auf. Jahrelang habe ich immer einen großen Bogen um Krimis gemacht und bei Filmen an den aufregenden Stellen den Raum verlassen. Letzteres ist immer noch so, aber bei Büchern hat sich meine Einstellung irgendwie geändert. Hach ja, das darf doch mal passieren, oder?! Im eigenen Kopf passiert ja auch meist nur so viel, wie man selbst aushalten kann.

 

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

Ein groß gehyptes Buch von Erfolgsautor Benedict Wells. Ich war sehr gespannt, und muss sagen, ich bin nicht ganz sooo begeistert wie viele andere. Es ist ein gutes Buch! Keine Frage. Sprachlich wie immer wunderbar mit einer guten Geschichte, die viel Lebensklugheit enthält. Da waren also meine Erwartungen zu hoch … Für mich kam der richtige Sog ins Buch erst nachdem ich ungefähr 2/3 gelesen hatte. An der Stelle, an der der Protagonist Jules endlich nach vielen, vielen Jahren eine Beziehung mit seiner großen Liebe Alva eingehen kann. Da weiß man irgendwie, es kann nicht gut gehen. Und die Geschichte, die zuvor eher vor sich hin trieb, nimmt Fahrt auf.
Drangeblieben bin ich vor allem, weil ich das Buch nur geliehen hatte und es innerhalb von 5 Tagen zurückgeben musste, ehrlich gesagt. Sonst hätte ich wahrscheinlich viel länger daran herumgelesen …

 

Hanns-Josef Ortheil: Der Stift und das Papier

„Roman einer Passion“ lautet der Untertitel dieses (mal wieder) sehr autobiografischen Buches des wunderbaren Hanns-Josef Ortheil, und genau das trifft es. Ortheil schreibt über seine Passion, seine Leidenschaft, seine Bestimmung – das Schreiben und wie alles begann. Ortheil-Fans kennen bestimmt schon andere autobiografische Bücher von ihm und wissen so einiges schon: dass der Autor in seiner Kindheit mehrere Jahre nicht sprach, Schwierigkeiten in der Schule hatte und Jahre später einen schreibenden Kurzurlaub mit seinem Vater an die Mosel unternahm. All diese Erlebnisse flossen auch hier mit ein.
Von der ersten Seite an begeistert die besondere Sprache Ortheils. Einfühlsam ohne viel Schnickschnack und dennoch nicht schlicht zu nennen. Diese Sprache hat mich damals, vor gefühlten hundert Jahren während meiner Buchhändlerausbildung schon bei der Lektüre von „Die große Liebe“ so unwahrscheinlich in den Bann gezogen. Hanns-Josef Ortheil ist und bleibt einfach einer der großartigsten deutschen Autoren! Was würde ich darum geben, an der Uni in Hildesheim von ihm zu lernen …

 

P.S. Abgesehen von den Leserückblicken ist es in den Monaten sehr ruhig geworden im Blog. Das liegt am echten Leben und dem, was darin im Moment passiert. Nicht alles ist schön. Vor einer Woche musste ich mich nach fast 12 Jahren leider schmerzvoll von Arschkrampe Jerry verabschieden. Viel zu früh. Und die Lücke, die er hinterlässt, ist unglaublich groß.

Gegenüber

Seit fast fünf Jahren sitze ich in der ersten Reihe und habe eine gute Sicht. Ich beobachte, wie Punkt 11 Uhr die abgeschrappten Plastikstühle auseinander gezogen und verteilt werden, und wie die Tischdecken aus Wachstuch – einige sind knallblau, andere gelb mit Rosenmotiv – auf den Klapptischen aufgefaltet werden. Oft helfen die ersten ungeduldigen Gäste schon beim Aufbau ihrer eigenen Kulissen. IMAG0849 Meist ist Gabi da. So hieß sie für mich seit dem ersten Moment. Ob sie in Wirklichkeit vielleicht Melanie oder Ulla heißt, werde ich nicht erfahren. Gabi ist ein Kind der 80-er. Noch immer trägt sie stolz ihre blondierte Fickpalme auf dem Kopf und kleidet ihren gewaltigen Busen in knallige T-Shirts mit Applikationen und Glitzersteinchen. Gern raucht Gabi zwischendurch eine Zigarette mit ihren Gästen und setzt sich auch mal dazu. IMAG0720 Zu mir hinauf dringen nur Gesprächsfetzen, aber die reichen aus, um die banalen Situationen, die das Leben gegenüber prägen, zu verstehen. Ich selbst bin unsichtbar hinter Fensterglas an meinem Schreibtisch und bleibe Zaungast. An schlechten Tagen stehe ich erst mit dem Gemurmel und dem Knobelbechergerummse von gegenüber auf, nachdem ich schon mit derselben Geräuschkulisse am Vorabend ins Reich der Träume hinübergeglitten bin. Beruhigendes Hintergrundgeplätscher. IMAG0471 Ich kenne sie alle: Die Knobelrunde, die sich jeden Dienstagvormittag trifft, und die in den letzten Monaten um zwei Männer dezimiert wurde. Den einen hat der „Krebbs“ dahingerafft, der andere hatte „wat am Herzen“. Die Abendknobler sind weniger regelmäßig. Die Runden ergeben sich meist spontan. Der dürre Gelockte mit dem Schnurrbart kommt fast jeden Tag mit seinem Volvo angefahren. Er kennt eigentlich jeden und setzt sich überall mal dazu. Meist sind es Männer im frischen Rentenalter, die ihre Zeit tagsüber gegenüber verbringen. Oft kommen sie allein und bleiben es auch. Manchmal knüpfen sich zarte Bande. IMAG0566 In den letzten Wochen war der Karierte mit dem unfassbar großen und dicken Hund fast täglich da. Jetzt habe ich ihn schon ein paar Tage nicht gesehen. Liegt es am Monatsende, das sich nähert? Dann wird es gegenüber nämlich immer leerer und abends geht das Licht oft schon aus, während ich noch am Schreibtisch sitze. Am Monatsanfang oder wenn einer Geburtstag hat, geht es auch unter der Woche gern mal bis 2 oder 3.

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Mit Ausnahme von Gabi und ihren beiden Kolleginnen kommen Frauen erst abends dazu, es sind selten dieselben. An den Tagen, an denen sich die kahlrasierten Fans des örtlichen Fußballvereins einfinden, kommen auch jüngere Frauen. Die schmachten und zwinkern und flirten und rutschen von einem Schoß zum nächsten. An solchen Abend gibt’s auch schonmal Ärger. So richtig. Dann wird mit dem Plastikmobilar geworfen. Kreischende Frauen versuchen erfolglos, die Heißsporne zu besänftigen. Das schafft Gabi am Ende oft, und wirft sie alle raus. Auch das kann sie gut. IMAG1022 Manchmal werde ich vom Zaungast zum Besucher gegenüber. Dann, wenn der Paketbote etwas für mich dort abgibt oder ich in Schlafanzughose schnell hinüberhusche, um eine Schachtel Kippen zu kaufen. Gabi erkennt mich wieder. Aber sie weiß nicht, dass ich sie tagtäglich beobachte. Denn ihr Blick hebt sich nie bis in den ersten Stock.

Offenen Wortes – mein Körper

Vor ein paar Tagen hat Fee von FeeistmeinName mit einem Post über ihre MS eine Blogparade ins Leben gerufen. „Mein Körper und ich“ nannte sie sie. Dazu fiel mir sofort ganz viel ein. Einiges davon habe ich noch nie öffentlich geäußert, und die meisten anderen Dinge nur im geschützten Raum.
Deshalb habe ich auch ein paar Tage gebraucht, um Mut zu sammeln und nun doch darüber zu schreiben. Weil ich es wichtig finde. Und weil sich ewig zu verstecken ja auch keine Lösung ist.

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Freunde waren wir noch nie. Schon als 5-Jährige fand ich dich blöd, weil Du nicht in das hübsche Dirndl passtest und stattdessen die Latzhose tragen musstest. Dabei warst Du nur zu lang. Für Sport warst Du schon damals nicht so wirklich geeignet. Immerhin Mittelmaß. Das haben wir in der Schule gemerkt.

Mit 12 fing es dann an, dass ich Dich gar nicht mehr mochte und Dich unbedingt anders wollte. Dafür habe ich viel ausprobiert und war brutal Dir gegenüber mit Entzug, Übermaß und Raub. Nie war ich zufrieden, kein kleiner Erfolg war von Dauer. Das einzige was blieb, war der Hass. Bis heute hadere ich mit Dir. Obwohl ich seit vielen Jahren daran arbeite. Mit Unterstützung.

Ich war noch nicht 20, als Symptome zutage traten, die erst 10 Jahre später als chronische Krankheit, das Lipolymphödem, diagnostiziert wurden. Deshalb gab ich mir Mühe, Dir gegenüber milder zu werden. Dich zu pflegen. Aber ich habe es nicht geschafft. Immer wieder triezte ich Dich und machte Dir klar, dass Du so, wie Du bist, nicht richtig bist. Und im Grunde machte die Krankheit das noch schlimmer, weil Du noch weniger so funktionierst wie ich es wollte.

In den letzten Jahren sind einige (Operations-)Narben hinzugekommen, eine langwierige Verletzung und Nebenwirkungen von Medikamenten. Das alles macht mich mit Dir nicht zufriedener.

Wenn ich aber jetzt Bilder von Dir sehe, die vor ein paar Jahren entstanden, finde ich Dich gar nichtmal so schlecht. Manchmal sogar ziemlich gut. Damals habe ich Dich gehasst und gegen Dich gekämpft. Wenn ich 50 bin, werde ich vielleicht Bilder von heute betrachten und Dich mögen.

Ich weiß, ich muss unbedingt auf Dich aufpassen, denn schließlich möchte ich mit Dir noch mindestens 60 Jahre verbringen – und zwar aktiv. Das geht aber nur, wenn ich gut zu Dir bin. Ich strenge mich an und gebe mir Mühe. Aber es wird weiterhin auch schlechte Tage geben, an denen ich weiter gegen Dich kämpfe.

Ich wünsche mir, dass Du mir das verzeihen kannst. Ich selber bringe es nicht fertig.

Tage am Meer

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Richard Dehmel
Klarer Tag

Der Himmel leuchtet aus dem Meer;
ich geh und leuchte still wie er.

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Und viele Menschen gehn wie ich,
sie leuchten alle still für sich.

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Zuweilen scheint nur Licht zu gehn
und durch die Stille hinzuwehn.

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Ein Lüftchen haucht den Strand entlang:
o wundervoller Müßiggang.

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P.S. Letzte Woche war ich am Meer, mit den Hühnern. Hach, was war das schön!!!

Mit Verspätung: Wien III – So ein schöner Ort!

Ich bin ein großer Fan dieser Plattform, über die man in privaten Wohnungen Zimmer oder gar die ganze Butze für ein paar Tage anmieten kann. Ich habe damit bisher nur gute Erfahrungen gemacht, tolle Menschen kennengelernt, ausgesprochen günstig gewohnt (Kopenhagen!) und mit Erfolg für ein paar Tage so getan, als würde ich in der fremden Stadt wohnen. Darin bin ich quasi Profi! Als-ob-Spiele haben schon meine Kindheit geprägt und beim Geschichtenschreiben ist das auch immer wieder praktisch.

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Deshalb haben wir natürlich auch in Wien in genau so einer Butze gewohnt, da hätte der Reisebegleiter kein Mitspracherecht geltend machen können. Es musste selbstverständlich ein typischer Wiener Altbau sein, wirklich bewohnt und keine Ferienwohnung! Dass die Bewohnerin von Beruf Sängerin ist und mit der Wohnung ihre Familiengeschichte verknüpft ist, war dann noch das Sahnehäubchen.

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Und wie schön es dort war! Knarrendes Parkett, unendlich hohe Decken, großartige Türen und – ein Flügel direkt neben dem Bett. (Das Foto hab ich quasi noch im Schlaf geschossen!)

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Und überall Gedöns. Kleine Dinge, die darauf schließen lassen, dass die Wohnung geliebt und bewohnt wird von jemandem, der das Schöne schätzt, dem die Erinnerung am Herzen liegt, und der doch sehr im Hier und Jetzt lebt.

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Für ein paar Tage war diese wunderbare Wohnung unsere Homebase, unser Basislager. Wenn sich meine müden, kaputten Füße und Beine mal wieder früh ausruhen mussten, haben wir es uns einfach gemütlich gemacht, als ob wir dort lebten. Gelesen, gequatscht, Kaffee und Wein getrunken und einfach abgehangen.

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Es hat gut getan, für ein paar Tage dem eigenen Alltag den Rücken zu kehren und ein fremdes Leben ein bisschen überzustreifen. Ich kann das nur empfehlen und würde es jederzeit wieder genauso machen!

Wien II

Ich liebe Wien – nicht nur, weil man so leicht Wein daraus machen kann -, sondern weil es eine Stadt voller Buchstaben, Wörter, Texte und geheimer Nachrichten ist. Aber seht selbst, was mir dort so begegnet ist:

Lauter Beschränkungen für Hunde. Ob sie auf den Rasen dürfen, wenn sie schon nicht hinein dürfen?IMAG0048

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Und auch für Menschen gibt’s krasse Regeln

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Zum Glück habe ich mich im Supermarkt an die gepflegten Umgangsformen des Ruhrpotts erinnert gefühlt

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Und ein bisschen was zum Lachen für die Einzehandelsmitarbeiter unter uns – SO würden wir auch gerne Nightshoppen. 21 Uhr … hahaha!

IMAG0254Und für die Fußballfans

IMAG0054Und für alle Freunde von Thees Uhlmann

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IMAG0186Und für Leser von Wolfgang Herrndorfer – oder Raucher

IMAG0087Sex sells

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IMAG0088Für Kunstfreunde

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IMAG0235Für Genießer

IMAG0198Für die Autofahrer

IMAG0221Und für alle, die auch noch ein paar mehr Buchstaben mögen

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I lost my heart in vienna!