Von bauschigen Wolkenkleidern und Dackeln

Letztens begab ich auf einem bekannten Videoportal mehr oder weniger zufällig auf eine Reise in die Vergangenheit. Die Uhr wurde um dreißig Jahre zurückgedreht, als ich ein Musikvideo mit schulterbepolsterten, kunstvoll auf der Blinketreppe arrangierten Künstlern mit beeindruckenden Frisuren und Zahnpastalächeln anschaute.

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Plötzlich spürte ich wieder den kratzigen Teppich im Wohnzimmer meiner Eltern unter meinen Knien. Meine Schwester und ich lagen im Nachthemd bäuchlings vor dem Fernseher, der kaum größer war als ein DIN-A4-Blatt. Hinter uns saß unsere Babysitterin Anke auf dem Sofa und beklebt sich die langen, bunt lackierten Fingernägel mit Strasssteinchen. Ihre Haare waren immer akkurat geschnitten und aufwendig mit Haarspray hochtoupiert. Sie war immer todchic angezogen und trug beeindruckende Ohrringe.
Unsere Augen waren gebannt auf die großen Samstagabend-Shows gerichtet: den Flitterabend, Wetten, dass … oder Verstehen Sie Spaß?
Wir mochten die Bräute in bauschigen Wolkenkleidern, liebten Bobby Flitter und warteten ungeduldig auf die großartig inszenierten Musik-Darbietungen mit Blinketreppe, Windmaschine, Lichtorgel und Trockeneisnebel. Die Bühnenbilder bei „Wetten, dass…“ waren immer die tollsten und hatten Special Effects.
Auch die Kinderwetten mochten wir. Fast so sehr wie die mit Tieren. Ich erinnere mich an einen Dackel, der Luftballons zum Platzen brachte. Anke ließ uns gucken, was wir wollten. Hauptsache wir waren im Bett, bevor sich der Schlüssel unserer Eltern in der Haustür drehte.
Ankes Abend begann dann erst so richtig. Mit dem Babysittergeld rauschte sie ab ins „Pink Palace“.

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Sommergefühle

Hochsommer Poesie

Hochsommer im Dachgeschoss. Seit mehreren Tagen sind es über 30 Grad in der Stadt. Die Luft steht.

Am frühen Morgen versuche ich, einen Lufthauch durch die Räume zu schicken. Ich reiße alle Fenster auf, werfe alle Bedenken über Bord, irgendwer könnte rausfallen. Es sind sowieso alle zu matt, sich zu bewegen. Ich wedle mit nass-kalten Tüchern, ich schmeichle, ich bitte, ich bettle, ich schimpfe. Die Badewanne, gefüllt mit eiskaltem Wasser, ist der Lieblingsplatz.

Es regt sich kein Lüftchen. Ähnlich fühlte ich mich nur im Sommer ’96 in einem Reisebus in Berlin. Ehemalige Mitschüler könnten sich erinnern.

Maria Sveland: Bitterfotze

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Wir spazierten mit unseren beiden Kleinkindern durch die stillen Straßen des jungen Jahres und sprachen über Vereinbarkeit von Arbeit und Kind mit dem eigenen Leben. Für mich als Alleinerziehende ist das ein ewiger Spagat, bei dem gefühlt jeder und alles immer zu kurz kommt. Allem voran ich selbst.
Meine Freundin zog kurz darauf Bitterfotze von Maria Sveland (Kiepenheuer & Witsch, 2009) aus ihrem Bücherregal und drückte es mir in die Hand. „Lies das mal“, sagte sie.

Ein Roman mit vielen Gedanken und wenig Handlung erwartete mich: Die Protagonistin Sara reist allein für eine Woche in eine Touristenburg nach Teneriffa. Ihren zweijährigen Sohn lässt sie beim Vater. Sie braucht eine Auszeit, fühlt sich ausgebrannt und bitterfotzig. Ein Begriff, den ich noch nie gehört hatte und dennoch erfasste ich sofort das Gefühl, das damit gemeint ist.

Bitterfotze

Am Pool und im Restaurant beobachtet Sara einige Paare und deren Umgang miteinander, reflektiert ihr eigenes Leben, ihre Rolle(n) und betrachtet ihre eigene(n) Liebesbeziehung(en) – auch die vergangenen – und die Strukturen und Sehnsüchte dahinter.

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Sara stellt Fragen: Was macht für die Gesellschaft eine gute Mutter aus? Eine, die sich selbst, ihre Bedürfnisse und ihr eigenes Leben für die Familie aufopfert? Oder wird das gar als Selbstverständlichkeit betrachtet? Und wann gilt ein Vater als guter Vater? Wenn er die zwei Mindestmonate Elternzeit nimmt? Wenn er Hausmann ist? Wird dann applaudiert? – Wie können Eltern gemeinsam Eltern sein und sich dennoch auch als Paar nicht verlieren? Wie können sie der kräftezehrenden Spirale des Alltags entkommen? Wo ist die Kreuzung, an der man einen Weg einschlagen kann, der die Bedürfnisse aller berücksichtigt? Und wie kann die Umsetzung gelingen? … und immer wieder: „Darf“ eine Frau und Mutter sich ihren eigenen Raum nehmen? Wie wird sie die verdammten Schuldgefühle los, die sich sofort aufdrängen, wenn sie etwas ohne das Kind unternimmt? Der Vater arbeitet unmittelbar nach der Geburt wochen- und monatelang weit weg und gilt dennoch als Held und liebevoller Vater, während die Mutter angesichts einer Auszeit von fünf Tagen abfällig betrachtet und kritisiert wird. Warum diese unterschiedlichen Bewertungen? Kann man sich von dieser eingeimpften Betrachtungsweise lösen?

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Wut und Zorn der Protagonistin stehen am Anfang, mischen sich mit Mutlosigkeit, Verzweiflung sowie Trauer, und werden im Romanverlauf immer mehr auch zu Klarheit und konstruktiven Gedanken geformt.

Eine Lektüre, die den*die Leser*in mit neuen Gedanken entlässt. Eine Leseempfehlung für alle, die sich mit der Struktur von (Klein-)Familien auseinandersetzen möchten, und für alle, die Feminismus als Bewegung verstehen (wollen), die die Welt für alle ein bisschen besser machen möchte.

Neues aus dem Bücherregal

„KUUUUCKAAA!!“, brüllt das Kleinkind und haut mir mit voller Wucht ein Taschenbuch auf den Kopf. Ich liege mit geschlossenen Augen auf dem Sofa und hoffte eigentlich unsichtbar zu sein. Das hat nicht geklappt. Beim Kind funktioniert das doch auch immer?!
Ich schaue mir das Buch an, das neben meinem Kopf liegt. `Umsonst geht nur die Sonne auf. Eine Erzählung über Kinderarbeit vor hundert Jahren.´ Was will mir das Kind damit sagen? Muss ich ab sofort die Spülmaschine wieder allein ausräumen?

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Wir einigen uns darauf, doch lieber ein Bilderbuch zu anzuschauen. „Hoch oben am Himmel steht der Mond“, erzähle ich und werde jäh unterbrochen von einer Faust, die vehement auf die Seite einschlägt. „BALL! BALL! BALL!“ – „Aber das ist doch der Mo…“, setze ich zaghaft an. – „BALL! BALL! BALL!“, werde ich übertönt. „Gut, hoch oben am Himmel steht der Ball und leuchtet hell“, lese ich. Ein zufriedenes Zahnlückenlächeln ist mein Lohn, bevor meine Finger schmerzhaft zwischen den Pappseiten des Buches eingequetscht werden.

Das kleine Glück

Als ich mich zum Flaschencontainer durchkämpfe, ärger ich mich über den Müll, die alten Teppiche, Gardinen und Fernseher, die jemand hier achtlos entsorgt hat.
Da sagt eine Stimme: „Hier findet man immer was Schönes!“ Eine Frau mit lang nicht gewaschenen Haaren und einem fleckigen Beutel, gefüllt mit Pfandflaschen, zieht ein abgeliebtes Kirmesstofftier aus den 80ern aus dem Haufen vor dem Container.
Die Frau ist sicher nicht älter als ich – ihr Gesicht aber ist von tiefen Sorgenfurchen gezeichnet und ihre Schultern sind gebeugt von großer Last. Sie strahlt ihren Fund an und klopft den Dreck ab. „Eine Runde in der Waschmaschine und du bist wie neu.“
Kurz darauf sehe ich sie im Supermarkt an der Kasse wieder. Sie bezahlt eine kleine Flasche Dirty Harry mit 1- und 2-Centstücken.

Gegenüber

Seit fast fünf Jahren sitze ich in der ersten Reihe und habe eine gute Sicht. Ich beobachte, wie Punkt 11 Uhr die abgeschrappten Plastikstühle auseinander gezogen und verteilt werden, und wie die Tischdecken aus Wachstuch – einige sind knallblau, andere gelb mit Rosenmotiv – auf den Klapptischen aufgefaltet werden. Oft helfen die ersten ungeduldigen Gäste schon beim Aufbau ihrer eigenen Kulissen.

Meist ist Gabi da. So hieß sie für mich seit dem ersten Moment. Ob sie in Wirklichkeit vielleicht Melanie oder Ulla heißt, werde ich nicht erfahren. Gabi ist ein Kind der 80-er. Noch immer trägt sie stolz ihre blondierte Fickpalme auf dem Kopf und kleidet ihren gewaltigen Busen in knallige T-Shirts mit Applikationen und Glitzersteinchen. Gern raucht Gabi zwischendurch eine Zigarette mit ihren Gästen und setzt sich auch mal dazu.

Zu mir hinauf dringen nur Gesprächsfetzen, aber die reichen aus, um die banalen Situationen, die das Leben gegenüber prägen, zu verstehen. Ich selbst bin unsichtbar hinter Fensterglas an meinem Schreibtisch und bleibe Zaungast. An schlechten Tagen stehe ich erst mit dem Gemurmel und dem Knobelbechergerummse von gegenüber auf, nachdem ich schon mit derselben Geräuschkulisse am Vorabend ins Reich der Träume hinübergeglitten bin. Beruhigendes Hintergrundgeplätscher.

Ich kenne sie alle: Die Knobelrunde, die sich jeden Dienstagvormittag trifft, und die in den letzten Monaten um zwei Männer dezimiert wurde. Den einen hat der „Krebbs“ dahingerafft, der andere hatte „wat am Herzen“. Die Abendknobler sind weniger regelmäßig. Die Runden ergeben sich meist spontan.

Der dürre Gelockte mit dem Schnurrbart kommt fast jeden Tag mit seinem Volvo angefahren. Er kennt eigentlich jeden und setzt sich überall mal dazu. Meist sind es Männer im frischen Rentenalter, die ihre Zeit tagsüber gegenüber verbringen. Oft kommen sie allein und bleiben es auch. Manchmal knüpfen sich zarte Bande.  In den letzten Wochen war der Karierte mit dem unfassbar großen und dicken Hund fast täglich da. Jetzt habe ich ihn schon ein paar Tage nicht gesehen. Liegt es am Monatsende, das sich nähert? Dann wird es gegenüber nämlich immer leerer und abends geht das Licht oft schon aus, während ich noch am Schreibtisch sitze. Am Monatsanfang oder wenn einer Geburtstag hat, geht es auch unter der Woche gern mal bis 2 oder 3.

Mit Ausnahme von Gabi und ihren beiden Kolleginnen kommen Frauen erst abends dazu, es sind selten dieselben. An den Tagen, an denen sich die kahlrasierten Fans des örtlichen Fußballvereins einfinden, kommen auch jüngere Frauen. Die schmachten und zwinkern und flirten und rutschen von einem Schoß zum nächsten. An solchen Abend gibt’s auch schonmal Ärger. So richtig. Dann wird mit dem Plastikmobilar geworfen. Kreischende Frauen versuchen erfolglos, die Heißsporne zu besänftigen. Das schafft Gabi am Ende oft, und wirft sie alle raus. Auch das kann sie gut.

Manchmal werde ich vom Zaungast zum Besucher gegenüber. Dann, wenn der Paketbote etwas für mich dort abgibt oder ich in Schlafanzughose schnell hinüberhusche, um eine Schachtel Kippen zu kaufen. Gabi erkennt mich wieder. Aber sie weiß nicht, dass ich sie tagtäglich beobachte. Denn ihr Blick hebt sich nie bis in den ersten Stock.

Mit Verspätung: Wien III – So ein schöner Ort!

Ich bin ein großer Fan dieser Plattform, über die man in privaten Wohnungen Zimmer oder gar die ganze Butze für ein paar Tage anmieten kann. Ich habe damit bisher nur gute Erfahrungen gemacht, tolle Menschen kennengelernt, ausgesprochen günstig gewohnt (Kopenhagen!) und mit Erfolg für ein paar Tage so getan, als würde ich in der fremden Stadt wohnen. Darin bin ich quasi Profi! Als-ob-Spiele haben schon meine Kindheit geprägt und beim Geschichtenschreiben ist das auch immer wieder praktisch.

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Deshalb haben wir natürlich auch in Wien in genau so einer Butze gewohnt, da hätte der Reisebegleiter kein Mitspracherecht geltend machen können. Es musste selbstverständlich ein typischer Wiener Altbau sein, wirklich bewohnt und keine Ferienwohnung! Dass die Bewohnerin von Beruf Sängerin ist und mit der Wohnung ihre Familiengeschichte verknüpft ist, war dann noch das Sahnehäubchen.

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Und wie schön es dort war! Knarrendes Parkett, unendlich hohe Decken, großartige Türen und – ein Flügel direkt neben dem Bett. (Das Foto hab ich quasi noch im Schlaf geschossen!)

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Und überall Gedöns. Kleine Dinge, die darauf schließen lassen, dass die Wohnung geliebt und bewohnt wird von jemandem, der das Schöne schätzt, dem die Erinnerung am Herzen liegt, und der doch sehr im Hier und Jetzt lebt.

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Für ein paar Tage war diese wunderbare Wohnung unsere Homebase, unser Basislager. Wenn sich meine müden, kaputten Füße und Beine mal wieder früh ausruhen mussten, haben wir es uns einfach gemütlich gemacht, als ob wir dort lebten. Gelesen, gequatscht, Kaffee und Wein getrunken und einfach abgehangen.

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Es hat gut getan, für ein paar Tage dem eigenen Alltag den Rücken zu kehren und ein fremdes Leben ein bisschen überzustreifen. Ich kann das nur empfehlen und würde es jederzeit wieder genauso machen!