Von bauschigen Wolkenkleidern und Dackeln

Letztens begab ich auf einem bekannten Videoportal mehr oder weniger zufällig auf eine Reise in die Vergangenheit. Die Uhr wurde um dreißig Jahre zurückgedreht, als ich ein Musikvideo mit schulterbepolsterten, kunstvoll auf der Blinketreppe arrangierten Künstlern mit beeindruckenden Frisuren und Zahnpastalächeln anschaute.

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Plötzlich spürte ich wieder den kratzigen Teppich im Wohnzimmer meiner Eltern unter meinen Knien. Meine Schwester und ich lagen im Nachthemd bäuchlings vor dem Fernseher, der kaum größer war als ein DIN-A4-Blatt. Hinter uns saß unsere Babysitterin Anke auf dem Sofa und beklebt sich die langen, bunt lackierten Fingernägel mit Strasssteinchen. Ihre Haare waren immer akkurat geschnitten und aufwendig mit Haarspray hochtoupiert. Sie war immer todchic angezogen und trug beeindruckende Ohrringe.
Unsere Augen waren gebannt auf die großen Samstagabend-Shows gerichtet: den Flitterabend, Wetten, dass … oder Verstehen Sie Spaß?
Wir mochten die Bräute in bauschigen Wolkenkleidern, liebten Bobby Flitter und warteten ungeduldig auf die großartig inszenierten Musik-Darbietungen mit Blinketreppe, Windmaschine, Lichtorgel und Trockeneisnebel. Die Bühnenbilder bei „Wetten, dass…“ waren immer die tollsten und hatten Special Effects.
Auch die Kinderwetten mochten wir. Fast so sehr wie die mit Tieren. Ich erinnere mich an einen Dackel, der Luftballons zum Platzen brachte. Anke ließ uns gucken, was wir wollten. Hauptsache wir waren im Bett, bevor sich der Schlüssel unserer Eltern in der Haustür drehte.
Ankes Abend begann dann erst so richtig. Mit dem Babysittergeld rauschte sie ab ins „Pink Palace“.

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