Identitätskrise und neue Bücher!

Hach ja, ich hab es echt schwer! So jammer ich gern mal vor mich hin. Was mir gerade besonders auf der Seele liegt ist die Frage nach meiner Identität – meiner beruflichen Identität.

Seit bald 17 Jahren führe ich eine leidenschaftliche Arbeitsbeziehung mit der Buchbranche. Und fast immer war der Buchhandel dabei – zumindest mit wenigen Stunden in der Woche parallel zu allem anderen. Das ist jetzt seit einigen Monaten nicht mehr so. Ich habe das so gewollt und selbst entschieden, denn es hätte ja anders und intensiver weitergehen können. Aber es gab und gibt gute Gründe für den Schritt und ich habe mich komplett für den Schreibtisch ausgesprochen. Da gibt’s für mich (eigentlich) auch keinen Weg zurück.

Ich bin leidenschaftlich Buchhändlerin und mache den Job gar nicht schlecht ziemlich gut. Wenn ich jetzt eine Buchhandlung betrete, muss ich mich deshalb auch dolle zusammenreißen, nicht die ganze Zeit Bücherstapel geradezurücken, Tische umzudekorieren und unschlüssig dreinschauende Kunden zu beraten. Ich muss zugeben: Es fehlt mir! Der Duft der frischen Bücher, das Geplauder mit den Kunden und vor allem:  immer als Erste zu wissen, was an Novis kommt, und die auch als Erste lesen zu dürfen.

Ich verkläre da jetzt nichts, denn es gibt auch genug Dinge, die ich NICHT vermisse: das lange Stehen, die doofen Arbeitszeiten, Kunden die einen wie den letzten Lappen behandeln …Spontan fällt mir da ein Herr ein, der an der Kasse sagte: „Hätten Sie mal was Anständiges gelernt, müssten Sie jetzt hier nicht stehen!“ … Von sowas gab’s ja auch mehr als genug. Und das hat mich oft geärgert.

Ärgern mag ich mich gerade aber nicht. Deshalb noch ein paar schöne Nachwirkungen: In meinen letzten Buchhandelsmonaten hab ich so einiges gelesen, das erst jetzt erschienen ist. Auf meinen „Gelesen im …“-Listen tauchten nur die Titel auf. Jetzt dann auch mal der entsprechende Senf dazu! Diesmal hab ich die Bücher doch noch als Erste gelesen! ;-)

IMAG1532

David Foenkinos: Charlotte (ET 31. August 2015)
Haaaach! Ich bin ganz begeistert! Ungewöhnliche, kurzgefasste, dadurch distanzierte Sprache und dennoch ganz nah dran. Die Geschichte der Jüdischen Malerin Charlotte Salomos, die 1943 in Auschwitz vergast wurde. Die tragisch-einsame Lebensgeschichte der jungen Frau, die sich einmal verliebt. In Alfred, den jungen Gesangslehrer ihrer Stiefmutter Paula. Die kurze Liason prägen Charlotte und ihre Arbeit. Obwohl sie Jüdin ist, wird sie auf der Berliner Kunstakademie angenommen. Preise, die sie gewinnt, werden ihr verwehrt. Sie bricht das Studium ab, flüchtet nach Frankreich, findet eine Mäzenin malt wie verrückt – und wird interniert. Ein kurzes, intensives Leben. Toller Roman!

IMAG1533

Caitlin Moran: All about a Girl. (ET 8. September 2015)
Noch ein großartiges Buch. Ein Coming of Age-Roman, Mischung aus Nick Hornby und Lola Betsky von Lily Brett. Autobiografisch angehaucht erzählt die Autorin die Geschichte eines Mädchens, das in den frühen 1990er Jahren seine Pubertät in einer Sozialsiedlung in Wolverhampton verbringt. Johanna Morrigans Familie lebt von Sozialhilfe und die übergewichtige Johanna teilt sich ein Zimmer mit ihren Brüdern. Sie hat Träume, möchte sich selbst erfinden und raus aus dem Ghetto. Lebensnah! Echt und fesselnd! Ich bin hin und weg!

IMAG1534

Emma Hooper: Etta und Otto und Russell und James. (ET 9/2015)
Was für ein Buch, in das man einfach so hineinstolpert. Der Sprachstil ist ungewöhnlich, mir fällt niemand ein, der ähnlich formuliert. Ist es naiv, kindlich? Oder was ganz anderes? Überraschendes Buch auf zwei Zeitebenen, sehr unterhaltsam und unvorhersehbar. Erinnert grob an den Hundertjährigen und an Harold Fry und ist doch ganz anders. Mir gefällt das Buch sehr gut. Die Frage ist, ob der Markt sich über noch ein alte-Männer-Reisebuch freut… auch wenn hier eine Frau reist. Aber die alten Männer gibt es dennoch. Im Gegensatz zu Harold Fry ist der Titel nicht so massentauglich, denke ich, wegen der reduzierten und poetischen Sprache und dem fehlenden Happy End.

IMAG1535

Lorenzo Marone: Der erste Tag vom Rest meines Lebens (ET 14. September 2015)
Ein alter Mann zieht Lebensbilanz. Er war nicht besonders nett (verstorbene Frau betrogen mehrfach, in deren Schwester verliebt, grummelig, grantig …). Nun entdeckt er seine Nächstenliebe und will eine geprügelte Ehefrau vor deren Mann retten. Doch vorher wird sie zu Tode geprügelt. Er bekommt einen Herzinfarkt und söhnt sich mit seinen Kindern aus. (Sohn ist schwul)
Es hat mir nicht gefallen und ich verstehe nicht, warum, der Verlag so einen Riesenhype um den Titel macht.

IMAG1537

Tecia Werbowski: Etwas fehlt. (ET 14. September 2015)
Ein kleines Büchlein über das Leben und die Liebe in verschiedenem Alter und mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen. Am Anfang war ich skeptisch und dann hingerissen von so viel Klugheit!

IMAG1536

Caleb Krisp: Little Miss Ivy. (ET 28.09.2015)
Netter, fluffiger Kinder-/Jugend-/Mädchenroman mit einer Prise englischem Humor und Fantastik. Ich finde ihn sprachlich nicht ganz konsequent und auch den Plot nicht ganz stimmig. Die Idee an sich aber gut. Schade. Man hätte mehr draus machen können.

IMAG1539

Katherine Heiny: Glücklich vielleicht. (ET 15. August 2015)
Bis vor zwei Jahren wusste ich nicht, wie sehr ich Erzählungen und Kurzgeschichten mag. Aber sowas von! Dieses Buch hat mir das wieder einmal bewiesen. Kluge, lebensnahe und dabei gleichzeitig so (meines) lebensferne Geschichten. Manche nimmt man mit und kaut noch ein Weilchen darauf herum. Eindrücklich und unaufgeregt. Chapeau! Ich habe ein aktuelles Lieblingsbuch!

Werbeanzeigen